Schmerzen aufschreiben – Was bringt ein Kopfschmerzkalender?

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Kaum eine Frage treibt einen kranken Menschen so sehr um, wie jene, ob er den richtige Arzt gefunden hat und ob dieser sich mit dem Leiden und den neusten Behandlungsmethoden wirklich gut auskennt.

Wenn es sich bei der Krankheit um Spannungskopfschmerzen oder Migräne handelt, gibt es eine sehr einfache Methode, das zu überprüfen: Ein  guter Arzt rät zum Führen eines Kopfschmerzkalenders.

Kopfschmerzkalender


Kopfschmerzkalender - ein Tool aus der Steinzeit

Das bedeutet: ein Blatt Papier und ein Stift - klingt jetzt nicht gerade nach High-End-Medizin. Zu jener Zeit, als mir mein Neurologe dazu riet, gab es noch nicht mal Apps dafür, sondern es waren Vordrucke, die man sich aus dem Internet herunterladen konnte und dann Zeile für Zeile und Monat für Monat ausfüllte.

Mir mochte anfangs nicht einleuchten, warum ich das alles notieren sollte: Alles darüber aufschreiben, wie er sich anfühlte, wie lange er dauerte, wie stark der Schmerz war. Schwarz auf weiß zeigte sich dort, was sonst unsichtbar blieb. Gezähmt in Zeilen, nüchtern abgekürzt und in Rubriken sortiert. Über die Jahre habe ich mehr als 30 Kopfschmerzkalender ausgefüllt. Gewissenhaft, abends am kleinen Küchentisch, schrieb ich mit Bleistift auf, was ich getan hatte, welche Tabletten ich genommen hatte, wie lange und wie schlimm die Schmerzen waren. Manchmal war am Ende des Monats alles verwischt, und es herrschte ein Durcheinander in den einzelnen Spalten, dass man kaum etwas erkennen konnte. Dann übertrug ich alles fein säuberlich auf die Blanko-Ausdrucke. Diese ordentlichen Zettel steckte ich ein, wenn ich zum Neurologen ging. Für das Chaos auf den Blättern hätte ich mich geschämt, auch wenn es meinem Zustand häufig genug mehr entsprochen und ihm vielleicht eine ganz eigene Geschichte erzählt hätte. Auf jedem Ausdruck stand mein Name, der Monat und das Jahr. Eine Spalte war für die Arzneimittel vorgesehen, die ich an den einzelnen Tagen nahm. Ich notierte sie mit selbstausgedachten Buchstabenkürzeln. Für die Rubrik «Auslöser», bzw. «Einflussfaktoren» oder «Trigger gab es dagegen meist eine Vorauswahl: Aufregung und Stress, Erholungsphase, Schlafrhythmus, Menstruation oder verdächtige Nahrungsmittel: Käse, Alkohol, Schokolade, Kaffee. Es blieb Platz für das, was man selbst herausfinden sollte.

Mach dir Notizen und der Schmerz verschwindet 

«Mach dir Notizen und der Schmerz verschwindet», heißt es in Virginia Woolfs Roman «Die Jahre». Gedanken niederzuschreiben hat eine große Kraft, so schafft man Ordnung und Überblick. Aufschreiben erleichtert und hilft beim Nachdenken, weil man sein Inneres von außen betrachtet. Tagebücher, Protokolle und die Psychoanalyse funktionieren so. 

Schmerzen zu protokollieren ist zu Beginn gar nicht mal so einfach. Über jede Kleinigkeit macht man sich Gedanken. Begannen die Kopfschmerzen um Viertel vor neun oder schon zwanzig Minuten früher? Waren sie dann wirklich ununterbrochen da, oder hat man nicht genau darauf geachtet? Waren sie nur auf einer Seite, oder wechselten sie im Laufe des Tages hin und her? Statt der gewünschten Übersicht herrscht große Verwirrung. Schließlich möchte man den Kalender ja so gut wie möglich ausfüllen, damit das Muster, das entsteht, auch präzise ist. Darin könnte sich ja ein Hinweis verbergen, den man bisher übersehen hat. 

Im Laufe der Zeit musste ich für mich jedoch feststellen, dass es um die groben Dinge ging. Waren die Schmerzen eher mittel oder stark, hielten sie eher vier Stunden an oder doch mehr oder weniger den ganzen Tag, und wann und was habe ich an Medikamenten genommen? Auf eine halbe Stunde mehr oder weniger kam es nicht an. Zusätzlich notierte ich Außergewöhnliches: ein heftig einschießender Blitz, der mich zusammenzucken ließ, oder ungewöhnlich dumpfes Drücken, das mir auch auf den Magen schlug. 

Bestimmt schaut nicht jeder Kalender so extrem aus wie meiner in den ersten Jahren. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob der Schmerz dadurch verschwindet, dass man ihn aufschreibt, wie Virginia Woolf nahelegt. Aber ein großer Effekt der Notizen ist sicherlich, dass man auch sieht, wie gut es einem geht. Also, wenn man nur wenige Tage ein Schmerzmittel nehmen musste und ansonsten gut ohne ausgekommen ist. Denn häufig genug erscheinen einem die Schmerzphasen im Rückblick länger und quälender, als sie tatsächlich waren. Ohne Notizen bleibt oft eine Art Ungewissheit zurück. So jedenfalls meine Erfahrung. Ohne die Notizen könnte ich heute gar nicht mehr genau sagen, wie sich die Wochen und Monate angefühlt haben.


Digital ist besser

Diese alte Form des Aufschreibens wirkt heute fast schon so, als würde man versuchen, mit einer Gabel lose Reiskörner aufzuheben. Digital kann man viel mehr Dinge erfassen, sie genauer eingeben, aber vor allem kann man sie auswerten und vielleicht zeigen sich dann tatsächlich Muster und Zusammenhänge, die man nicht erkannt hat. Das ist, was auch in der App von M-Sense geschieht.

Für mich als Betroffene ist das eine spannende Reise, denn ich hatte an meine Kopfschmerzkalender viele Fragen, die unbeantwortet blieben: Half das Medikament oder die vielen Stunden in der Schwimmhalle? War es das Yoga oder die schöne Zeit in New York? Stressten mich die bevorstehenden Feiertage oder hatte ich an dem Tag zu wenig gegessen? All diese Antworten finde ich nicht auf den Zettel. Was ich aber sehe, sind die schlimmen Tage und auch die guten, ich sehe auch mich selbst, wie ich versuche, ein bisschen Kontrolle über die Schmerzen zu haben und dann sehe ich auch, wie es letztlich besser wurde. Die Sache, mit dem Aufschreiben ist schon irgendwie magisch.