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5 Fragen zu deinen Spannungskopfschmerzen: Birgit

Birgit Schmitz
Birgit Schmitz

Birgit Schmitz leitet den Hamburger Verlag Hoffmann & Kampe und ist Schriftstellerin. In ihrem Buch "Der Schmerz ist die Krankheit" schreibt sie über ihre chronischen Spannungskopfschmerzen.

Wer unter Migräne oder Spannungskopfschmerzen leidet, wird meistens selbst zum Experten dafür. Deshalb stellen wir jeden Monat eine M-sense Nutzerin oder einen Nutzer vor und stellen jeweils fünf Fragen. Hier erzählt unsere Bloggerin Birgit Schmitz ihre Geschichte.

Name: Birgit

Kopfschmerzart: chronischer Spannungskopfschmerz mit neuropathischen Schmerzen

Häufigkeit: anfangs täglich bis zu 12 Stunden; heute durch Prophylaxe nur noch zwei bis drei stärkere Attacken im Jahr


Wann bekamst du die Diagnose chronische Spannungskopfschmerzen und wie hat sich das angefühlt?

Der Diagnose ist eine andere Krankheit vorausgegangen. Ich hatte eine Fistel in der Hirnhaut. Das ist ein falsches Blutgefäß zwischen Vene und Arterie und kann im schlimmsten Fall zu einer Hirnblutung führen. Um diese Fistel zu verschließen, hat man mehrere Anläufe gebraucht und dabei leider auch ein paar Nerven beschädigt. Nach den Eingriffen hatte ich regelmäßig Kopfschmerzen - und da mir niemand sagte, ich sollte regelmäßig Schmerzmittel nehmen, um eine Chronifizierung zu verhindern, hielt ich monatelang die Schmerzen aus.

Mein Fall entwickelte sich dann, wie es in jedem Medizinlehrbuch nachzulesen ist: Drei Monate später waren die Schmerzen chronisch. Nachdem man mit einer Angiographie (eine Röntgen-Untersuchung der Hirnhaut mit Kontrastmittel) eine neue Fistel ausgeschlossen hatte, stand die Diagnose fest. Notiert hatten die Ärzte: Kombinationskopfschmerz, kurz KKS, besteht aus Spannungskopfschmerz und neuropathischen Schmerzen. Das war 2007 und danach begann eine lange Suche, um die richtige Behandlung zu finden.

Meine neuropathischen Schmerzen erfüllten brav alle medizinischen Kriterien: starke Intensität, scharf, oberflächlich, stechend, den Bruchteil einer Sekunde oder bis zu zwei Minuten dauernd. Sie schossen wie Blitze durch meinen Kopf und hinterließen Schmerzpunkte an Stirn, Nase, Kinn und Wangenknochen.

Der andere Schmerz in meinem Kopf legte sich meist wie ein Stahlband um Schläfe und Hinterkopf. Spannungskopfschmerz wird offiziell so beschrieben: Kopfschmerzen im Bereich des gesamten Kopfes mit drückendem, ziehendem, jedoch nicht pulsierendem Charakter. Die Intensität ist leicht bis mittel und wird nicht durch körperliche Anstrengung verstärkt.

Birgit Schmitz
Birgit Schmitz

Kannst du deiner Krankheit auch etwas Positives abgewinnen?

Meine Kopfschmerzen waren und sind zu nichts zu gebrauchen. Als sie in mein Leben kamen, waren sie ohne übergeordneten Sinn oder schützende Funktion. Die Kopfschmerzen sind für mich ein Riss. „There’s a crack in everything. That’s how the light gets in“,  singt Leonard Cohen. Krankheiten sind ein Knacks. Sie sind die fadenscheinigen Stellen, an denen der Stoff reißt; das undichte Siphon, wo das Wasser austritt. Es ist ein Trost, wenn sie auch der Bruch sind, damit Licht hineinkommt. Die Kopfschmerzen waren ein Bruch, der auch Licht in mein Leben gebracht hat. Zum Beispiel weiß ich heute besser, was Mitgefühl ist. Mitgefühl ist ein bescheidenes Gefühl, verfügt nicht über eine Palette von Ausdrucksmöglichkeiten wie Zorn oder Wut, wo man die Arme wild in die Luft werfen kann und die Stimme hebt. Jeder hat schon mal erlebt, wie hilflos man sich vorkommt, weil man sein Mitgefühl nicht ausdrücken kann. Aber wenn man als Kranke Mitgefühl geschenkt bekommt, ist das etwas sehr Wichtiges und Besonderes.


Was ist der blödeste Kommentar, den du bisher zu deiner Krankheit bekommen hast?

Kein Wunder, dass du Kopfschmerzen hast, du arbeitest ja auch zu viel mit dem Kopf.


Was tust du, damit deine Schmerzen verschwinden?

Mir blieb irgendwann keine andere Wahl, als auf alle vier Bestandteile der Schmerztherapie zurückzugreifen. Prophylaktisch nehme ich ein Antidepressivum, so dass ich nur bei schlimmen Attacken Schmerzmittel zusätzlich nehmen muss. So habe ich die Nebenwirkungen herkömmlicher Schmerzmittel für Leber, Magen oder Nieren gut im Griff. Ausdauersport und regelmäßiges Yoga als Entspannungstechnik sind aber mindestens genauso wichtig. Und schließlich habe ich einige Jahre eine Psychotherapie gemacht, die mir geholfen hat, die jahrelange Suche nach Hilfe durchzustehen.

Ganz akut - immer noch ein wenig ein Geheimtipp - hilft bei mir eine Kopfschmerzbandage. Das kommt aus dem Yoga. Wenn ich mir die Bandage gleichmäßig, nicht zu locker und nicht zu fest um den Kopf und über die Augen wickelt, bringt das ziemlich schnell Linderung und kann auch mal verhindern, dass es schlimmer wird. Sieht aber natürlich sehr dämlich aus.

Wie würdest du einem Kind erklären, wie dir geht, wenn eine Attacke dich überfällt?

Meine Schmerzen kann man nicht sehen. Nur wenn du genau hinschaust, siehst du vielleicht, dass meine Augen etwas müde wirken. Wenn die Attacke kommt, dann geht das sehr langsam. Es zickt an den Schläfen oder im Hinterkopf. Und dann gibt es immer mehr Punkte bis sie eine Linie bilden, die sich einmal rundum einen Kopf schließt. Und diese Linie wird dann zu einem Band, das sich immer fester zu zieht. Manchmal gibt es auf der Kopfhaut ganz heiße Stellen, so schwer arbeitet der Schmerz dann dort.

Auch wenn ich heute soviel über Schmerz weiß und gelesen habe, den Schmerz bei einem anderen Menschen kann ich mir immer noch nicht vorstellen. Ein Freund mit ganz vielen Schmerzen erzählte mir einmal, dass er sich manchmal wünscht, den Schmerz nur für ein paar Sekunden im Menschen gegenüber anschalten zu können. Dann müsse man nicht nach Worten suchen, der andere würde es einfach spüren.

Was sind deine persönlichen Auslöser?

Meine Auslöser lassen sich durch keine einzige wissenschaftliche Untersuchung belegen, weshalb ich sie auch hier mit einem Augenzwinkern erzählen möchte. Trotzdem scheue ich zwei Dinge wie der Teufel das Weihwasser: Klimaanlage im Auto und Pfefferminzshampoo. Ersteres hat schon manch Mitreisenden bei 40 Grad in der australischen Provinz mitleiden lassen, letzteres steht im krassen Gegensatz zu den besonders guten Ergebnissen, die mit Pfefferminzöl bei Migräne-Attacken erreicht werden.