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Ein unangenehmes Sinneserlebnis – Was ist Schmerz? Teil I

Birgit Schmitz
Birgit Schmitz

Birgit Schmitz leitet den Hamburger Verlag Hoffmann & Kampe und ist Schriftstellerin. In ihrem Buch "Der Schmerz ist die Krankheit" schreibt sie über ihre chronischen Spannungskopfschmerzen.

Über Schmerz lässt sich vieles sagen. Auch vieles, was für chronische Schmerzpatienten ein Ärgernis ist. Da ist dann die Rede von: »Lass Schmerz dein Lehrmeister sein« oder der »Schmerz zeigt dir deine Grenzen«. Leider sind das nur Poesiealbumsprüche – mit der Realität von Menschen, die unter Schmerzen leiden, hat das wenig zu tun.

Umso wichtiger war es für mich zu wissen, warum wir Schmerzen empfinden und was in unserem Körper vorgeht.

Was ist Schmerz und wozu ist er gut?

Eine erste Antwort auf die Frage, was Schmerzen sind, fand ich bei der International Association for the Study of Pain. Nach jahrelangen Diskussionen hatte man sich dort 1993 auf folgende Definition einigen können: »Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung einhergeht oder von betroffenen Personen so beschrieben wird, als wäre eine solche Gewebeschädigung die Ursache.«

Sinne kannte ich aus der Schule, Biologieunterricht, Mittelstufe. Da lernt man, wie Hören, Sehen, Riechen, Fühlen und Schmecken geht. Wir brauchen all diese Sinne, um uns in der Welt zu orientieren. Manchmal bereiten sie einem Vergnügen, weil etwas gut schmeckt, manchmal fröstelt man, weil es kalt geworden ist. Ich kann mich noch daran erinnern, wie Hornhaut, Linse, Netzhaut, Nerv den Apparat bilden, mit dem wir die Welt sehen. Selbst die Stäbchen und Zapfen, jene Rezeptoren, die das Licht auffangen, könnte ich noch zeichnen. Im Vergleich dazu ist der Schmerz ein hässliches Entlein, über ihn redet niemand, keiner mag ihn. Dabei markiert er eine wichtige Grenze: Ist etwas zu scharf, empfinden wir Schmerz, ist es zu kalt und drohen uns die Zehen abzufallen, spüren wir große Pein. Immer wenn uns etwas bedroht, schaltet sich der Schmerz ein.

Schmerz als Reiz

Doch weil sich niemand so richtig gern mit Schmerzen beschäftigt, denken die meisten von uns darüber wie vor fast 400 Jahren. René Descartes’ Vorstellung von Schmerz hat sich dabei mindestens so sehr in unseren Köpfen festgesetzt, wie sein «Ich denke, also bin ich». 1662 schrieb er in der »Abhandlung über den Menschen«, dass Schmerz als Reiz über Nervenbahnen ins Gehirn geleitet werde, als zöge man am Seil einer Glocke. Das war mit den damaligen Mitteln durchaus richtig beobachtet. Wir schneiden uns mit dem Messer in den Finger, und dann klingelt es im Gehirn, wir spüren einen beißenden Schmerz. Das Gehirn gibt den Befehl: Zieh den Finger weg, halte ihn hoch, stoppe die Blutung.

Descartes
Illustration aus "Abhandlung über den Menschen"

Richtig viel erklären konnte Descartes noch nicht, aber es war ein Anfang. Biologen, Naturphilosophen, Physiologen und Ärzten hielten lange an der Vorstellung fest. Man ging davon aus, dass es spezifische Nerven für die Schmerzwahrnehmung gibt, die an einem bestimmten Ort im Gehirn enden – also in einem Zentrum für Schmerz. Diese Theorie wurde von dem deutsch-österreichischen Physiologen Max von Frey Ende des 19. Jahrhunderts verfeinert. Er nannte sie »Spezifitätslehre« und untersuchte Hautpunkte, die für Schmerz zuständig zu sein schienen.

Dass diese Theorie nicht sehr weit führte, kann sich auch ein Laie vorstellen. Warum sind manche Temperaturen angenehm und andere furchtbar schmerzhaft? Wird das Wasser unter der Dusche zu heiß, springen wir automatisch aus der Gefahrenzone. Warum reagieren wir auf so unterschiedliche Reize wie Wärme, Kälte, Schärfe, Druck mit Schmerz? Wenn diese Einflüsse nur über spezifische Nervenbahnen an das Gehirn geleitet werden, dann müsste dort irgendeine Instanz sein, die diese Informationen auswertet und verbindet. Scheint irgendwie zu kompliziert, denn beim Schmerz muss es auch im Gehirn schnell gehen.

Art und Intensität des Reizes

Deshalb begann ein Berliner Arzt mit Kaiser-Wilhelm-Bart, Alfred Goldscheider, über die Stimulation von Nervenzellen zu forschen. Seine Leitidee begründete die zweite Schule der Schmerztheorien: Nicht die Rezeptoren sind verschieden, sondern es hängt von der Art des Reizes und der Intensität des Reizes ab, ob wir Schmerz empfinden.

Alfred Goldscheider
Alfred Goldscheider, Berliner Arzt

Heute weiß das alles noch genauer: Nervenenden sogenannte Nozizeptoren sind für das Empfinden von Schmerz verantwortlich. Sie reagieren auf Druck, Hitze, Kälte, Verletzungen. Wenn eine gewisse Schwelle überschritten wird, werden sie aktiv und warnen uns vor einer Gewebeschädigung. 80 % aller Nervenfasern außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks sind Teil des Systems der Schmerzwahrnehmung. Deshalb ist es durchaus sinnvoll zu fragen, warum wir nicht fortwährend Schmerzen empfinden, bei einem so ausgeprägten und umfassenden System. Ein Grund liegt darin, dass etwa ein Drittel der Nozizeptoren erst aktiv wird, wenn ihre Kollegen schon genügend Botenstoffe ausgeschüttet haben, was zum Beispiel bei einer Entzündung oder einer Verbrennung geschieht. Nozizeptoren produzieren ihrerseits wieder Neuropeptide, die für den Schmerzmechanismus wichtig sind. Die bekanntesten sind die Endorphine. Die Mysteriöse unter ihnen heißt Substanz P. Substanz P klingt, als hätte man sich beim Namen keine Mühe geben wollen. Anfänglich stand das P noch für powder, inzwischen ist es die Abkürzung für englisch pain (Schmerz). Substanz P führt dazu, dass die Blutgefäße erweitert werden (Rötung), und sensibilisiert die Nervenzellen im Rückenmark. Dann wird ein Kreislauf in Gang gesetzt, der über das Rückenmark schließlich unser Gehirn informiert und dort als Schmerz bewusst wird.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es sich bei Schmerz um ein ausgesprochen theoretisches Problem handeln würde, mit ungelösten Widersprüchen, vagen Vermutungen und reichlich Fragen. Und das eine richtig solide wissenschaftliche Erklärung noch keine 50 Jahre alt ist. Aber das ist eine andere Geschichte.