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Kann man Kopfschmerz und Migräne einfach wegatmen?

Migräne einfach wegatmen? / Bild: Ezra Jeffrey via Magdeleine

Birgit Schmitz
Birgit Schmitz

Birgit Schmitz leitet den Hamburger Verlag Hoffmann & Kampe und ist Schriftstellerin. In ihrem Buch "Der Schmerz ist die Krankheit" schreibt sie über ihre chronischen Spannungskopfschmerzen.

Ostern: Endlich vier Tage frei, ein langes Frühlingswochenende steht bevor. Zeit für Spaziergänge und viel frische Luft. In diesen ersten warmen (oder zumindest etwas wärmeren) Tagen des Jahres ist mir nach Durchatmen. Jedes Mal, wenn ich vor die Tür trete, atme ich automatisch tiefer ein und länger aus. Aber was ist das mit dem Atmen? Liegt darin der Schlüssel für ein gelasseneres Leben – mit oder ohne Schmerzen oder Migräne?

Meine persönliche Entspannungs-Bibliothek

Bemüht um ein ausgeglichenes Leben, damit sich meine Kopfschmerzen bessern, wollte ich gleich von Beginn an dem Rat des Neurologen folgen und mich in einer Entspannungstechnik üben. Das war noch zu einer Zeit, als nicht jeder von Achtsamkeit sprach und wusste, was sich diese altmodische Wort hinter Mindfulness verbirgt.

Weshalb ich mir etwas ratlos, welche Art der Entspannung denn zu mir passte, erst einmal eine halbe Bibliothek an Ratgebern zusammenkaufte: Bücher, Spezialhefte, Werke des Achtsamkeits-Guru Jon Kabat-Zinn. Ich las darin, legte mich zu den CDs auf den Boden und atmete. Kabat-Zinn erklärte mir die "Blüte des Augenblicks" und den "Weg zum vollen Menschsein". Aber länger als zwei Wochen hielt ich nicht durch. 

Birgit's Buecherregal
Birgit's Bücherregal

Damals hatte ich täglich Kopfschmerzen und alles in mir rebellierte gegen Loslassen, Entspannen und Durchatmen. Mein Körper schien mir immer wieder zuzuflüstern, bleib auf der Hut. Und schon waren meine Gedanken woanders. Mein Zustand war höchste Alarmbereitschaft, und das war so gar nicht gelassen und ausgeglichen. Stattdessen wollte ich mit jeder Faser meines Körpers, dass der Schmerz aufhörte. Es konnte also gar nicht funktionieren, ich kam einfach nicht in den Flow, wie Sportler das nennen.

Doch ich gab nicht auf: Als nächstes nahm ich mir "Licht auf Pranayama" von Yoga-Meister B. K. S. Iyengar vor. Als ich theoretisch alles über die yogische Atemtechnik wusste, begann ich mit dem praktischen Teil. Jeden Morgen wollte ich das Programm, das mehrere Monate umfasst, durchführen. Liegend oder sitzend atmete ich ein und aus. Verlängerte für einige Atemzüge die Einatmung, atmete wieder normal, verlängerte dann die Ausatmung, bis ich irgendwann die Atmung unterbrach und die Luft anhielt. Es gab unzählige Varianten – und ich bereits nach einer Woche auf. 

Die unorthodoxe Methode: Hardcore-Zen

Ich dachte, jetzt bleibt mir nur noch ein Ausweg, nämlich die reine Lehre: Zen. Dabei wählte ich den etwas unorthodoxen Weg über die Lektüre von "Hardcore Zen. Punk Rock, Monster Movies and the Truth about Reality" von Brad Warner. Dieses durchgeknallte Buch über einen Amerikaner, der aus Leidenschaft für Godzilla-Filme und Meditation nach Japan auswandert, ist ein tolles Plädoyer für Zen und kommt ohne jede Form von Esoterik aus. Aber auch dieses Mal erwies ich mich als zu schwach.

Ich kann nicht sagen, ob mich in dieser Zeit Sturheit oder tatsächlich noch der Glaube an eine Lösung für meine Kopfschmerzen angetrieben hat, aber was es auch immer war, es ließ sich mit Entspannung nicht vereinbaren. Erst viel später verstand ich, dass ich überzogene Erwartungen an Atemtechniken und Entspannung hatte: Ich glaubte klammheimlich, dass ich die Schmerzen wegatmen könne. 
Warum es doch funktioniert

Als ich vor zwei Jahren alles etwas lockerer anging, mich zehn Minuten pro Tag hinsetze und den Anweisung zum Atmen folgte, die mir eine App vorsprach, geschah ein kleines Wunder. Mit der Zeit merkte ich, dass ich es gern tat, dass es mich beruhigte, wenn ich nervös war oder dass mir in den wenigen Minuten schon bewusst wurde, wie es mir überhaupt an diesem speziellen Tag geht. Ich ließ sogar zu, dass ich mich manchmal langweilte. 

Aber besonders in komplizierten Situation und wenn ich Kopfschmerzen habe, hilft mir das Durchatmen, denn für ein paar Minuten habe ich dann die Kontrolle über zumindest einen Teil meines Körpers zurück. Wenn ich schon nicht die Schmerzen kontrollieren kann, so kann ich aber verhindern, dass sie über den Rest bestimmten – meine Laune, meine Energie, meine Ängste. Und sei es nur bis zum nächsten Atemzug. Schließlich machen wir jeden Tag 20.000 Atemzüge ohne großartig darüber nachzudenken. Sind wir uns aber bewusst darüber, dann wirkt sich das auf unseren Körper und unsere Psyche aus. Deshalb rät eine Mutter ihrem weinenden Kind tief Luft zu holen, bei schwierigen Entscheidungen wollen wir erst einmal durchatmen und Menschen in Sorge sollen ein paar tiefe Atemzüge tun und sich so beruhigen. 

Don't forget to breath!

Vor einigen Jahren stand eine sehr kleine Lady vor mir, sie hatte graue wilde Locken und schon über 70 Jahre auf dieser Erde verbracht. Ich war aufgeregt, redete schnell und guckte angespannt umher. Da nahm die kleine Frau ihre Hand, streckte sie nach oben aus und legte sie mir auf den Kopf: "Keep breathing, honey. Don't forget to breath, yes?" Sie hatte so recht und sollte ich das vergessen, höre ich mir "The Trick is to Keep Breathing" von Garbage an. Hilft nicht nur gegen Kopfschmerzen.