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Löst Glühwein Migräne aus?

Glühwein-Rezept für Migräniker / Bild: Johannes Windolph für M-sense

Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem
Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem

Dr. Markus Dahlem forscht seit mehr als 25 Jahren über die Entstehung der Migräne. Als Physiker interessiert ihn grundsätzlich, ob mathematische Berechnungen etwas zum Grundverständnis von Erkrankungen beitragen können. 

Düfte, Geschmäcker und Schmuck sorgen für weihnachtliche Stimmung. Aber viele Getränke, Lebensmittel und Gerüche stehen bei Betroffenen im Verdacht, Migräne auszulösen [1]. Am Beispiel von Glühwein sehen wir uns das genauer an.

Löst Glühwein Migräne aus?

Vorab: Äußere Einflüsse lösen meist nur im Einklang mit einem inneren Biorhythmus Attacken aus. Wir nennen diesen Rhythmus auch »Migränezyklus«. Nur wenn die Widerstandsfähigkeit herabgesetzt ist, was zu einer bestimmten Phase des Zyklus geschieht, gerät das Gehirn durch zusätzlich äußere Auslösefaktoren (schneller) über die Schwelle. Mehr dazu erfahrt ihr im Artikel über die Kipppunkttheorie.

Alkohol

Zunächst muss man herausfinden, ob Alkohol Attacken auslöst. Denn es könnten auch die Begleitstoffe in alkoholischen Getränken sein. Eine Studie zeigte, dass 300 ml Rotwein, aber nicht Wodka (reiner Alkohol) mit äquivalenten Alkoholgehalt, Migräne-Attacken provozieren kann – doch auch das nur bei einigen dafür empfindlichen Migräne-Betroffenen [2]. Eine andere Studie konnte gerade bei geringem Alkoholkonsum keine erhöhte Anzahl von Migräne-Attacken feststellen, jedoch durchaus, wenn Alkohol und Stress zusammen kamen [3] – der Weihnachtsmann lässt grüßen.

Viele Migräne-Betroffene reagieren gar nicht auf Alkohol empfindlich, oder meinen das zumindest. Nur etwa ein Drittel haben Alkohol im Verdacht, zumindest gelegentlich ihre Attacken auszulösen. Etwa 10% sehen im Alkohol einen zuverlässigen Auslöser [4].

Begleitstoffe im Glühwein

Der Klassiker auf dem Weihnachtsmarkt, der Glühwein besteht aber ja nicht nur aus Alkohol. Sehr viele der Begleitstoffe stehen im Verdacht Migräne auszulösen: Aromastoffe (Phenole), Konservierungsmittel (z.B. Sulfite), Gerbstoffe (Tannine) und insbesondere Tyramin. Sulfite sind in Lebensmitteln wie Trockenfrüchte, Wein, Marmelade, Essig und diversen Fertiggerichten enthalten. Der Gerbstoff Tannin findet sich hochkonzentrierter Form zum Beispiel in schwarzem und grünem Tee, Wein, Nüssen und bestimmten Gewürzmischungen wieder. Phenole befinden sich in den Randschichten und Schalen von Gemüse, Getreide und Obst. Tyramin, gehört wie Histamin, zu den biogenen Aminen, welche dieselben physiologischen Wirkungen wie Neurotransmitter entfalten [5] und bei empfindlichen Menschen zu sogenannten pseudoallergischen Intoleranzreaktionen führen können. Beim Verzehr von tyramin- oder histaminreichen Lebensmitteln, zu denen fast alle Zutaten eines Glühweins zählen, berichten einige über Kopfschmerzen oder Migräne.

Wie wirkt der Glühwein – wenn er als Auslöser wirkt?

Alkohol wirkt euphorisierend. Begleitstoffe, vor allem das Tyramin, kann leistungs- und motivationsfördernd sein. Dahinter stehen unterschiedliche Botenstoffsysteme im Körper. Für die Experten: Dopamin und Noradrenalin. Gerade deren Zusammenwirken baut schneller Energiereserven ab [7,8]. So erhöht sich die Anfälligkeit für eine Migräneattacke. Deswegen ist auch die Tageszeit, zu der Glühwein getrunken wird, wichtig. Ein Glühwein am Mittag ist demnach „gefährlicher“, da man all seine Energiereserven noch braucht, als abends beim Rundgang über den Weihnachtsmarkt.

Schützt Glühwein vielleicht auch?

Glühwein enthält oft auch Ingwer. Ingwer gilt in der indischen und graeco-arabischen Medizin als Mittel gegen Migräne. Es gibt eine veröffentlichte Studien aus dem Iran, die Ingwer mit der Wirkung von Triptanen vergleicht [9]. Durch die antioxidative Wirkung des Ingwer soll es den Organismus vor sehr reaktiven, chemischen Verbindungen mit Sauerstoff schützen. Man nennt dies »oxidativem Stress«. Ein Übersichtsartikel im The Journal of Head and Face Pain sieht im »oxidativem Stress« das verbindende Element aller Auslösefaktoren einer Migräneattacke [10]. Auch zeigen einige Studien, dass Menschen, die regelmäßig Alkohol konsumieren, seltener an Migräne leiden [8]. Erklärt wird dies mit veränderten Alkoholkonsum bei Migräne-Erkrankten und nicht etwa damit, dass Alkohol eine prophylaktische Wirkung hat. Richtig ist jedoch auch, dass gerade Rotwein ein gesundheitsfördernder Wohlfühlfaktor zugeschrieben wird. Darum geht es bei Weihnachten ja auch.

Glühwein-Rezept bei Migräne

Wer auf Nummer sicher gehen und sich den überteuerten Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt sparen möchte, macht ihn einfach selbst:

Zutaten:

1 Flasche trockenen Weißwein
300 ml Saft
2 Stangen Zimt
3 Gewürznelken
2-3 EL Rohrzucker, Honig oder Agavendicksaft
nach Geschmack einige Kapseln Kardamom.
optional: Ingwer

Nehmt einen tyramin- und histaminarmen oder alkoholfreien Wein, am besten einen Weißwein, um die Tannin-Konzentration so niedrig wie möglich zu halten. An Stelle von der Zitronenschale und dem Orangensaft, könnt ihr auf Holunder-, Johannisbeer-, Trauben- oder Apfelsaft zurückgreifen. Dazu noch etwas Nelken, Sternanis, Kardamom oder Zimt, etwas Rohrzucker für die Süße und ab damit in die Thermoskanne. Je nach Belieben und Geschmack kann man so seinen Glühwein ganz individuell zusammen mixen und würzen. Insgesamt eine weniger riskante, gesündere und billigere Alternative.

1. Weißwein und weißen Traubensaft mit dem Zucker und den Gewürzen aufkochen.

2. 10 Minuten bei milder Hitze ziehen lassen.

3. In hitzebeständige Gläser füllen und trinken.

Lasst es euch schmecken!


Quellenangaben:

[1] Sjöstrand, C., Savic, I., Laudon-Meyer, E., Hillert, L., Lodin, K., & Waldenlind, E. (2010). Migraine and olfactory stimuli. Current pain and headache reports, 14(3), 244-251. & Stankewitz, A., & May, A. (2011). Increased limbic and brainstem activity during migraine attacks following olfactory stimulation. Neurology, 77(5), 476-482.

[2] Littlewood, J., Glover, V., Davies, P. T. G., Gibb, C., Sandler, M., & Rose, F. C. (1988). Red wine as a cause of migraine.The Lancet, 331(8585), 558-559. 

[3] Nicolodi, M., & Sicuteri, F. (1998). Wine and migraine: compatibility or incompatibility?Drugs under experimental and clinical research, 25(2-3), 147-153.

[4] Panconesi, A. (2008). Alcohol and migraine: trigger factor, consumption, mechanisms. A review. The journal of headache and pain, 9(1), 19-27.

[5] Dueland, A. N. (2015). Headache and Alcohol. Headache: The Journal of Head and Face Pain, 55(7), 1045-1049.

[7] Rasmussen, B. K. (1993). Migraine and tension-type headache in a general population: precipitating factors, female hormones, sleep pattern and relation to lifestyle. Pain, 53(1), 65-72.

[8] Le, H., Tfelt-Hansen, P., Skytthe, A., Kyvik, K. O., & Olesen, J. (2011). Association between migraine, lifestyle and socioeconomic factors: a population-based cross-sectional study. The journal of headache and pain, 12(2), 157-172.

[9] Maghbooli, M., Golipour, F., Moghimi Esfandabadi, A., & Yousefi, M. (2014). Comparison between the efficacy of ginger and sumatriptan in the ablative treatment of the common migraine. Phytotherapy Research, 28(3), 412-415.

[10] Borkum, J. M. (2015). Migraine Triggers and Oxidative Stress: A Narrative Review and Synthesis. Headache: The Journal of Head and Face Pain. (Link, frei einsehbar)