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#MigraineFaces – Andrea Morgenstern: Migräne ist nicht mehr mein Feind

Carol Kacperski
Carol Kacperski

Carol hat Literatur- und Kulturwissenschaften studiert und ein Talent dafür, die Dinge charmant auf den Punkt zu bringen. Bei M-sense liebt sie das posten, sharen und vor allem das Gefühl, etwas Sinnvolles zu bewegen.

Zur Migraine Awareness Week wollen wir gemeinsam mit euch unter dem Hashtag #MigraineFaces darauf aufmerksam machen, wie stark Migräne das Leben einschränkt und wie sehr Betroffene immer noch mit Klischees und Unverständnis zu kämpfen haben.

Viele Migräne-Betroffene fühlen sich unverstanden und nicht ernst genommen. Ob in der Schule belächelt, im Familien- und Freundeskreis missverstanden oder im Job ausgegrenzt, etwa neun Millionen Deutsche, die unter der chronischen Krankheit leiden, kämpfen täglich gegen Vorurteile.

*** Macht mit: Teilt eure Migräne-Geschichten und -Gesichter mit dem Hashtag #MigraineFaces auf Facebook, Instagram oder Twitter – ungeschminkt oder stilisiert, alles ist erwünscht 🤕😎🤮🤠😵👽🤯 ***

So geht es Andrea mit ihrer Migräne:

Seit wann und wie oft hast du Migräne?

Ich hatte seit meinem sechsten Lebensjahr bis Ende 20 sehr oft und starke, viele Jahre auch chronische Migräne. Insgesamt im Durchschnitt 15 Tage im Monat, in sehr extremen Phasen eher 20+. Inzwischen kommen nur noch selten Kopfschmerzen, die nur noch sehr sehr selten zur Migräne werden.

Ich sehe die Migräne nicht mehr als meinen Feind, auch wenn sie sich natürlich sehr unangenehm anfühlt. Aber die Schmerzen zeigen mir immer auf, wenn ich nicht zu 100% auf mich und meine Bedürfnisse achte und authentisch lebe. Ich kann in diesem Moment immer viel lernen und mir selbst noch ein Stück näher kommen. Nachdem ich vor ein paar Jahren aufgehört habe gegen die Migräne zu kämpfen und stattdessen mit ihr für mich zu leben, haben sich die Schmerztage so schnell so extrem verändert, dass ich bei dieser Frage heute keine richtige Antwort mehr geben kann.

Was machst du gegen die Schmerzen?

Ruhe. Dunkelheit. Bewusste Atmung. Yin Yoga. Vipassana-Meditation. Aber vor allem das Hinschauen nach Innen, hinterfragen warum mir meine Seele gerade diese Schmerzen schickt und mich quasi alarmiert oder gar in Zwangspause schickt. Wo habe ich etwas gesagt oder getan, was nicht zu 100% meiner Wahrheit entsprochen hat? Wo habe ich mir vielleicht mehr Ruhe gewünscht? Wo habe ich mehr aus dem Ego heraus gewollt, statt auf meine wahren Bedürfnisse zu achten? Wo kann ich noch besser für mich selbst sorgen?

Inzwischen bin ich sehr schnell darin zu erkennen, an welchen Schrauben ich gerade drehen darf. Dadurch können die Schmerzen oft schnell wieder gehen und müssen gar nicht erst zur Migräne werden.

Es geht für mich vor allem darum herauszufinden, wie ich immer mehr so leben kann, dass die Migräne nicht kommen muss, um mich zu schützen/ unterstützen etc. Denn mit jedem Mal lerne ich etwas mehr über mich und meine Bedürfnisse, so dass ich in Zukunft bereits von Anfang an das tun kann, was mir gut tut. Für ein gesundes und glückliches Leben von Innennach Außen, bei dem meine Seele nicht mehr schreien muss, weil ich auch so auf sie höre.

Was mir an Medikamenten geholfen hat sind Triptane. Ohne sie hätte ich vermutlich weder mein Abi geschafft, noch mein Studium, meine Wohnung bezahlen können etc.

Auch wenn mir bei der Ursache der Weg nach Innen geholfen hat, so bin ich dennoch sehr dankbar für die Möglichkeit der Medikamente, die zwar nur die Symptome unterdrückt haben, aber mir genau dadurch auch geholfen haben.

Denn für diesen intensiven Weg nach Innen, das völlige Loslassen der Opferrolle, der Identifikation mit der Krankheit, das radikale Übernehmen der Selbstverantwortung- für all das war ich damals noch nicht bereit. Und auch heute habe ich noch Triptane in meiner Tasche und sehe sie als etwas was mir im Notfall eine Stütze sein könnte.


Wie läuft eine Attacke bei dir ab?

Früher war es bei den Migräneattacken bei mir so, dass ich oft vorab plötzlich sehr viel gegähnt habe und müde war oder noch einmal so richtig voller Energie und aktiv war. Auch plötzlich sehr starke Gelüste nach Süßem oder Salzigem waren oft ein Vorbote von Migräne.

Der Schmerz war sehr unterschiedlich. Ich hatte viele Ärzte, die mir schon als Kind sagten ich hätte keine Migräne, weil die Art des Schmerzes nicht zu ihrem Lehrbuch passte.

Die Schmerzen kamen manchmal schleichend, aber sehr oft auch plötzlich und sehr stark. So dass ich schon nach kurzer Zeit nur noch mit Mühe einer alltäglichen Arbeit nachgehen konnte. Begleitet von Übelkeit, Erbrechen, Licht- Geruchs- und Geräuschempfindlichkeit hat die Attacke meist ziemlich genau 72h gedauert. Danach konnte ich die Uhr stellen.

An einem Tag waren die Schmerzen auf der einen Seite des Kopfes, den nächsten auf der anderen und dann einen Tag am ganzen Kopf. Besonders aber am Scheitel, auf den Augen und Schläfen. Ich habe in den Tagen der Attacke meist nichts essen und nur wenig trinken können.

Sobald es mir besser ging hatte ich ein extremes Bedürfnis nach Salz, Kohlenhydraten und Fetten. Es war als hätte man einen Schalter angeknipst. Plötzlich waren diese höllischen Schmerzen weg und ich war voller Dankbarkeit und wollte jeden Moment so gut es ging auskosten. Danach hatte ich meist etwa 1 bis 3 Tage nur so einen erträglichen Dauerschmerz im Kopf, bis dann die nächste Attacke kam. Wie sich ein schmerzfreier Kopf anfühlt, habe ich die meiste Zeit meines Lebens nicht gewusst.

Andrea schöpft Kraft aus der Natur.
Andrea schöpft Kraft aus der Natur | Bild: Herry Santosa

Wann hast du dich besonders stigmatisiert gefühlt?

In der Schulzeit. Vor allem, wenn ich erfuhr wie Lehrer hinter meinem Rücken vor den anderen Schülern darüber redeten, dass ich absichtlich fehlen würde, weil z.B die Mathearbeit ansteht oder weil Montag ist und ich wohl so hart gefeiert hätte.

Am liebsten hätte ich gar nichts davon erfahren, was die Menschen hinter meinem Rücken so sagten.

Während ich im Bett lag, am Ende nur noch Blut kotzte nach mehreren Tagen und mich vor Schmerzen am liebsten selbst umgebracht hätte, standen sie dort gesund im Klassenzimmer und verhöhnten „diese Migräne“. Das tat weh. Und es führte dazu, dass ich mich z.B nach einem Donnerstag mit Migräne Zuhause am Freitag nicht in die Schule wagte, weil ich mir die Blicke und Seitenhiebe ersparen wollte. Es war so schon schwer genug. Und so wartete ich oft bis Montag, um mich wieder in das Klassenzimmer zu trauen. Ich hatte auch zwei Lehrerinnen, die sich wirklich viel Mühe gaben mich und die Migräne zu verstehen. Von solchen Lehrern wünsche ich mir mehr für die Welt. Sie waren ein Geschenk für mich.


Warum sprichst du über deine Migräne?

Ich habe jahrelang alles mögliche ausprobiert, um endlich schmerzfrei zu sein. Habe so oft gehört, dass meine Gene schuld sind, dass ich zu sensibel bin, dass ich mich nicht so anstellen und reinsteigern solle, dass ich bloß aufhören müsste so viel nachzudenken usw.

Jeder im Außen hatte eine Meinung und Bewertung darüber, wie ich mich fühlte. So viel Druck, so viel Schmerz und so oft wieder enttäuschte Hoffnungen. Bis hin zu der Zeit, in der ich mich ohne es jemandem zu erzählen, darüber informierte wie und wo ich mich euthanasieren lassen könnte. Ich wollte nicht mehr, ich war so unglaublich erschöpft von diesem Leben in Schmerzen.

Heute bin ich mir selbst aus tiefstem Herzen dankbar dafür, dass ich nicht aufgegeben und mich stattdessen immer mehr alternativen und spirituellen Heilungsansätzen gewidmet habe. All dem, was die Mehrheit als Schwachsinn abtut, habe ich eine Chance gegeben. Und es hat mich zu mir und meiner Wahrheit geführt. Und dadurch auch zu meiner Heilung.

Ich möchte mit meiner Geschichte Hoffnung machen. Ich möchte anderen Menschen zeigen, dass es sich lohnt hier zu bleiben und dass es Wege gibt zur Heilung. Selbst wenn wir es uns nicht vorstellen können.

All die Jahre mit Schmerzen sind heute der Antrieb für das was ich tue: Ich möchte Menschen dabei helfen wieder ihre Lebenskraft zu entdecken und zu stärken. Sich frei zu machen von dem was sie belastet und das Leben zu leben, dass sie sich wünschen.

Denn Heilung ist für mich genau das: Erkennen wer bzw. was wir wirklich sind, uns daran erinnern. Und die physische Heilung ist eher wie eine logische Konsequenz, eine Manifestation von unserem Innenleben, die dann kommt. Ich teile so authentisch wie möglich in meinem Podcast, auf Instagram und vor allem auch in meinem Buch „Ich suchte Heilung und fand mich selbst. Wie auch du deine ureigene Lebenskraft entdeckst!“ meine Heilungsgeschichte und zeige einen Weg auf, wie dieser Weg nach Innen aussehen kann.

Andrea | Bild: Sabine Büttner
Bild: Sabine Büttner


In meiner Arbeit als Ganzheitlicher Coach und Spirituelle Mentorin habe ich in den letzten Jahren ein paar hundert Frauen im Einzel-Coaching, Workshops und bei meinem Coaching Retreats dabei begleitet in ihre Kraft zu kommen und loszulassen was sie beschwert. Und es ist mir immer wieder derselbe Ablauf begegnet, den auch ich immer wieder gehe. Ich nenne sie in meinem Buch die vier Säulen: Anerkennung, Loslassen, Selbstverantwortung und Lebenskraft. Für mich war und ist dies der Weg der Heilung jede Frau, die ich durch das Teilen meiner Geschichte und meiner Tipps unterstützen kann, ist es wert weiter rauszugehen und über ehrlich und hautnah über diese Themen zu sprechen.

Wir brauchen mehr Menschen, die sich so menschlich zeigen, damit sich andere Menschen auch trauen ihr Menschsein anzuerkennen und sich nicht mehr gegen diese Erfahrung wehren und dadurch Schmerz erzeugen.