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Migräne am Arbeitsplatz

Wer im Job von einer Migräneattacke überrollt wird, kann oft nicht weiterarbeiten / Bild: Matt Artz via Unsplash

Mona Kattwinkel
Mona Kattwinkel

Mona ist Studentin, Bloggerin und nicht zuletzt Migräne-Expertin. Sie leidet an Migräne seit dem sie 8 Jahre alt ist und engagiert sich als Mitglied einer Selbsthilfegruppe für Migräne innerhalb der MigräneLiga e.V. Deutschland.

Hämmernde starke Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit sind typische Begleiterscheinungen einer Migräne-Attacke. Noch unerträglicher werden diese, wenn Arbeitskollegen und Vorgesetzten am Arbeitsplatz das Verständnis fehlt und Betroffene gegen Vorurteile, Stigmatisierung und Diskriminierung ankämpfen müssen. 

Häufig geht einer Attacke auch eine Aura voraus, welche mit Seh- und Sprachstörungen, Taubheitsgefühlen oder anderen neurologischen Wahrnehmungsstörungen verknüpft ist. Mit solchen Symptomen konzentriert zu arbeiten, gestaltet sich demnach unmöglich. Worauf Migräniker in diesem Zustand also erst recht verzichten können, ist ein schlechtes Gewissen und die Angst vor negativen Konsequenzen.

Zahlen und Fakten

Von den rund 18 Millionen Migräne-Betroffenen sind die meisten erwerbstätig – was das für die Deutsche Wirtschaft bedeutet, möchte ich kurz darstellen.

Migräne ist laut dem BARMER Arztreport unter den Top 20 der Gründe für Arbeitsunfähigkeit und Krankmeldungen. Jeden Tag leiden etwa 900.000 Menschen unter Migräne. Bei 220 Arbeitstagen pro Jahr sind das 650.000 verlorene Arbeitstage pro Tag. Aufgrund von Migräne ergeben sich somit circa 143 Millionen Arbeitsausfälle jährlich. Die Kosten, die dabei entstehen, belaufen sich auf rund 15 Milliarden Euro pro Jahr. Rechnet man die medizinische und medikamentöse Behandlung und Versorgung dazu, kommt man insgesamt auf ungefähr 16 Milliarden Euro jährliche Kosten aufgrund von Migräne. 

Produktivitätsverluste in Tagen

                                   Auf der X-Achse sind Produktivitätsverluste in Tagen, pro 1000 Mitarbeiter

Der Wertschöpfungsausfall durch Krankheit im Allgemeinen beläuft sich jährlich auf ungefähr 225 Milliarden Euro. Die 16 Milliarden Euro für Arbeitsausfälle durch Migräne machen demnach circa 7 Prozent der gesamten Kosten aus. Ein ganz schönes Sümmchen.

Migräne am Arbeitsplatz

Migräne-Auslöser sind vielfältig. Auch im Büro lauern unzählige Trigger und Reize, die am Arbeitsplatz auf uns niederprasseln. Sei es ein alter flackernder Bildschirm, grelles Neonlicht, stickige Luft in Großraumbüros, laute Gespräche unter Kollegen, ein Telefon, das pausenlos schrill klingelt, Stress, oder ein beißendes Parfüm einer Kollegin.

»Ein Problem ist auch, dass ich einen Bürojob habe, wo ich 40 Stunden die Woche vor dem PC sitze und ich es einfach nicht ertragen kann, wenn ich Migräne habe. Jedes Flimmern und überhaupt Licht ist unerträglich.« 

Eine häufige Ursache für Kopfschmerzen im Arbeitsalltag ist auch eine fehlerhafte Körperhaltung am Schreibtisch und damit verbundene Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich. In den meisten Fällen ist der eigene Arbeitsplatz ergonomisch nicht auf den Mitarbeiter abgestimmt. Diese dauerhafte Anspannung aktiviert Schmerzrezeptoren, wodurch Kopfschmerzen ausgelöst werden können.

Wichtig ist jedoch, zwischen Spannungskopfschmerzen und Migräne zu unterscheiden. Spannungskopfschmerzen, die durch eine verspannte Nacken- und Schultermuskulatur ausgelöst werden, können durch das Dehnen und Lockern der verhärteten Muskulatur, Wärme- und Kälteanwendungen und einen individuell auf den Benutzer abgestimmten Arbeitsplatz verhindert werden. Ebenso kann es sehr hilfreich sein, die Fenster im Büro aufzureißen, frische Luft hereinzulassen und viel Wasser zu trinken. Hilft das alles nicht, kann auch auf leichte bis mittelstarke rezeptfreie Arzneimittel wie Acetylsalicylsäure (Aspirin), Paracetamol oder Ibuprofen zurückgegriffen werden. 

»Nimm doch ’ne Schmerztablette!«

Wer auf der Arbeit jedoch von einer Migräneattacke überrollt wird, ist in aller Regel nicht mehr in der Lage weiterzuarbeiten. Migräneattacken sind mehr als 'nur' Kopfschmerzen und beeinträchtigten in hohem Maße die Konzentration der Betroffenen.

»Das Problem dabei ist, dass ich mich mit einer Migräne nicht auf die Arbeit schleppen kann, wie es die meisten immer denken oder behaupten.
Mit Kopfschmerzen kann man trotzdem arbeiten gehen oder etwas unternehmen, was aber mit einer Migräne nahezu unmöglich ist.« 

Bahnt sich eine eine Migräneattacke an, ist es nicht mehr möglich mit voller Leistung weiterzuarbeiten. Eine Migräneattacke bedeutet sinkende Konzentration, eine erhöhte Fehlerquote und verlangsamte Arbeitsabläufe. Treten dazu noch neurologische Ausfälle wie Wahrnehmungsstörungen in Form einer Aura auf, birgt dies je nach Tätigkeit erhebliche Risiken. Wer während der Aura unter Sehstörungen, Taubheitsgefühlen oder Lämungserscheinungen leidet, kann zum Beispiel seine Arbeit an einer Maschine oder im Straßenverkehr nicht weiter ausführen. Problematisch sind jedoch auch Konzentrationsschwierigkeiten oder Wortfindungsstörungen, wenn man bei der Arbeit mit anderen Menschen arbeitet oder Kundenkontakt pflegt.

Betroffene brauchen aufgrund ihrer Lärm-, Licht- und Geruchsempfindlichkeit einen ruhigen und dunklen Raum, in den sie sich zurückziehen können.

»Ich habe hier im Büro die Möglichkeit mich mal zurückzuziehen auf eine Couch, aber wenn ich merke die Tablette wirkt nicht nach kurzer Zeit, dann melde ich mich krank und fahre nach Hause.«
»Ich muss mich dann ins Bett legen, Rollo runter, wenige Geräusche und Gerüche, sonst wird die Übelkeit schlimmer. Ich hoffe dann immer, dass ich schlafen kann, dann spüre ich wenigstens die Schmerzen nicht. Meistens klappt das auch.« 

Im Akutfall können spezifische Migränemittel wie Triptane eingenommen werden. 

Triptane blockieren die Freisetzung von Nervenbotenstoffen, die zur lokalen neurogenen Entzündung an den Blutgefäßen im Gehirn führen kann. Außerdem normalisieren Triptane die erhöhte Nervenaktivität in verschiedenen Gehirnzentren und verengen erweiterte Gefäße. Triptane haben gegenüber anderen Schmerzmitteln den Vorteil, dass sie gezielt und selektiv an den Schaltstellen im Gehirn wirken, die bei einer Migräneattacke beteiligt sind. 

Wer mit Migräne von der Arbeit mit dem Auto nach Hause fahren will, sollte jedoch beachten, dass die Fahrtüchtigkeit unter der Einnahme von (starken) Schmerzmitteln herabgesetzt sein kann und auch die generelle Reaktionsfähigkeit und Konzentration bei starken Schmerzen abnimmt. Um sich selbst und andere nicht zu gefährden und ein erhöhtes Unfallrisiko zu vermeiden, sollte deswegen lieber auf öffentliche Verkehrsmittel oder ein Taxi zurückgegriffen werden.

Krankschreibung

Migräne muss nicht zwangsläufig zu einem längeren Arbeitsausfall führen, da ein geregelter Tagesablauf sowie eine individuell gut eingestellte, medikamentöse oder nichtmedikamentöse Behandlung einen akuten Anfall lindern oder ihm vorbeugen kann. Dabei spielen Strategien zur Stressreduktion eine besondere Rolle. Neben einer bewussteren und ausbalancierteren Alltagsgestaltung werden die regelmäßige Durchführung von Entspannungsverfahren (Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Atemtherapie, Autogenes Training) empfohlen. Diese bewirken, neben der Entspannung der Muskulatur, auch einen Abbau der Stresshormone und eine Regeneration der körpereigenen Schmerzabwehrsysteme.

Migräne kann jedoch die Leistungs- und Handlungsfähigkeit auch stark einschränken – und je nach Ausprägung sogar die berufliche Existenz gefährden, nämlich dann, wenn Betroffene unter einer chronischen Migräne leiden. Dies ist gegeben, wenn an mindestens drei aufeinanderfolgenden Monaten an jeweils 15 oder mehr Tagen Kopfschmerzen oder Migräne aufgetreten sind. Ist dies der Fall, kann unter gewissen Umständen beim Versorgungsamt eine Behinderung anerkannt und eine Erwerbsminderungsrente beantragt werden.

In den meisten Fällen dauert eine Migräneattacke rund 24 Stunden und man ist nach einem bis maximal drei Tagen wieder bereit zu arbeiten. Wird eine Krankschreibung für die versäumten Arbeitsstunden verlangt, kann ein Hausarzt den entsprechenden Nachweis ausstellen, wenn die Migräne zuvor von einem Neurologen diagnostiziert wurde. Der Betroffene kann sich also für die Dauer des Migräneanfalls von seinem Hausarzt die Arbeitsunfähigkeit attestieren lassen.

Der Umgang mit Kollegen und Arbeitgebern

Bahnt sich eine Migräneattacke an, steht man vor der schwierigen Entscheidung: Bleiben oder nach Hause gehen. Bleiben heißt Qual. Bleiben bedeutet eine extrem kräftezehrende Tortur durchzustehen.

»Ich habe versucht mit Migräne arbeiten zu gehen, auch um Fehltage zu vermeiden und wenn es gar nicht ging, blieb ich zu Hause.« 
»Ich handhabe es aber oftmals so, dass ich mich trotzdem zur Arbeit quäle und es zumindest versuche, dann aber meist am Vormittag wieder gehe, damit man wenigstens sieht, dass ich gute Absichten hatte und es auch probiert habe. Ob es geschätzt wird, weiß ich nicht. Denke eher nicht.«
»Meistens bin ich morgens mit Migräne aufgewacht und jedes Mal habe ich mit mir gekämpft, ob ich arbeiten gehe oder nicht. Wenn ich dann gegangen bin, dann kam ich immer später und konnte auch höchstens 2 bis 3 Stunden bleiben und musste dann wieder nach Hause.« 

Doch für einige ist nach Hause gehen bzw. zu Hause bleiben noch viel schlimmer, weil sie befürchten, einen schlechten Eindruck bei Arbeitskollegen und Vorgesetzten zu machen oder weil sie Angst haben, missverstanden zu werden. Viele Migräniker kämpfen täglich gegen Unverständnis, Vorurteile und Stigmatisierung.

»Es fielen oftmals die Sprüche "Soll sich nicht so anstellen", "kann doch nicht so schlimm sein", "man ist nie so krank, dass man nicht arbeiten kann" und vieles mehr.« 
»Dieses ständige Unverständnis oder die beiläufigen lächerlichen Bemerkungen/“Witze“ über meine Migräne haben mich soweit gebracht, dass ich mich dort nicht mehr wohl gefühlt habe. Ich bin selbst wenn es mir super ging nicht mehr gerne auf die Arbeit gegangen.« 
»In der ersten Abteilung, wo ich war, waren es hauptsächlich meine Kolleginnen, die kein Verständnis zeigten. Die hatten wohl immer Angst, sie müssten meine Arbeit machen, wenn ich nicht da bin. In den beiden anderen Abteilungen waren es jeweils die Vorgesetzten. Oft hat man mir das Gefühl gegeben, dass es an mir liegt, dass ich etwas nicht richtig mache.« 

Weltweit leiden circa 758 Millionen Menschen an Migräne und rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung hat mindestens einmal pro Monat Spannungskopfschmerzen. Kopfschmerzen sollten deshalb auch im Geschäfts- und Arbeitsleben ein Thema sein. Kommunikation, Offenheit und mehr Informationen schaffen Klarheit und fördern Verständnis und Einfühlungsvermögen.

»Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Chef lange gedacht hat, ich nutze meine Migräne als Ausrede. Er weiß aber zum Glück auch, dass ich eine zuverlässige Mitarbeiterin bin, die pflichtbewusst ist und der es dann zusätzlich zu schaffen macht, wenn sie krank ist. Soll heißen, er hat in den letzten Jahren etwas mehr verstanden, dass ich dann sehr leide und sagt nichts weiter dazu.« 
»Man sollte von Anfang an seine Kollegen und Arbeitgeber darüber aufklären, dass man Migräne hat und einfach offen damit umgehen. Es sollte dann schnell klar werden, dass Migräne keine Ausrede darstellt, sondern eine Belastung für die betroffenen Personen darstellt.« 
»Was ich wahrscheinlich anders machen würde? Absolute Offenheit, auch wenn man dann den Job nicht bekommt. Und einen Job machen, der einem wirklich Spaß macht.«
»Ich habe meinem Chef auch schon öfters mal Berichte geschickt über Migräne, in denen ich mich sehr wiederfinde, und damit er es etwas besser versteht.... Ob es geholfen hat? Ja etwas.« 

Für Außenstehende, die weder die Auslöser, Häufigkeit und Stärke eurer Migräneattacken kennen, ist es sehr schwierig die Intensität der Schmerzen und die äußeren Umstände einordnen und richtig einschätzen zu können. Hier ist die Kommunikation der Schlüssel. Da Migräne leider immer noch sehr häufig nicht ernst genommen wird und vielen Arbeitskollegen und Arbeitgebern das Verständnis fehlt, kann es helfen in einem offenen Gespräch wichtige Fragen bezüglich Leistungsschwankungen und Ausfällen zu klären, Vorurteile aus der Welt zu schaffen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

»Meine Arbeitgeber bei meiner ehemaligen Arbeitsstelle haben häufig sehr gereizt darauf reagiert, wenn ich mich aufgrund von Migräne krank melden musste. Mir war es immer sehr unangenehm abzusagen, weil ich schon wusste dass es niemanden interessiert wie es mir dabei eigentlich geht. Es ging immer nur um den Ausfall und das Problem so schnell Ersatz zu finden.«
»Ich habe dann oftmals nachdem ich wieder da war gehört und erfahren, dass man hinter meinem Rücken das Thema Migräne belächelt und sagt "Ja, ich habe auch oft Kopfschmerzen..."«
»Leider bin ich so gut wie nie auf Verständnis gestoßen, z.B. wenn ich das Rollo in meinem Büro runter machte. Da wurde dann rumgemeckert, warum es im Sekretariat so dunkel sei. Nach dem ich dann dort massiv gemobbt wurde, wechselte ich die Abteilung.« 

Drei Verhaltensregeln für den Umgang mit Migräne-Betroffenen

Regel Nummer 1: Migräneanfälle sind keine starken Kopfschmerzen. Migräne ist Migräne, und wer selbst nicht davon betroffen ist, sollte keine Vergleiche anstellen. Sätze wie „Ach, das kenne ich – ich hab’ auch manchmal Kopfschmerzen. Nimm’ einfach eine Ibu!“ sollten dringlichst vermieden werden. Worauf man also während einer Attacke erst Recht verzichten kann, ist Unverständnis seitens der Mitmenschen sowie das daraus resultierende Gefühl, die starken Schmerzen rechtfertigen und den Unterschied zu normalen Kopfschmerzen erklären zu müssen.

Regel Nummer 2: Oft sieht man es Migräne-Betroffenen nicht an, dass sie unter einer Attacke leiden. Voreilige Schlüsse, der Kollege hätte keine Lust zu arbeiten, wolle lieber krank feiern, und nutze die Migräne als Ausrede, helfen niemanden und verstärken das schlechte Gewissen der Betroffenen, das sie ohnehin schon haben.

Regel Nummer 3: Keine Ratschläge geben: Mehr Trinken, mehr Sport, weniger Stress, gesündere Ernährung – wenn es um das angebliche Fehlverhalten anderer geht, kommen viele schnell mit „gutgemeinten“ Ratschlägen und Tipps an. Faktoren wie Stress und Lebensstil sind nicht die Ursache für Migräne, sondern lediglich Trigger, die eine Attacke anstoßen können.

→ Besser wäre es also, wenn man seinem Kollegen rät, nach Hause zu gehen, sich Ruhe zu gönnen, anstatt sich weiter durch den Tag zu quälen. Zeig’ Verständnis und Mitgefühl und bestätige, wenn nötig, dem Vorgesetzten, dass ein Weiterarbeiten deines Kollegen nicht möglich ist.