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Migräne und Geburt

Im Vergleich zu Migräne sind Wehen positive Schmerzen: Sie sind für etwas gut, jede Wehe bringt einen näher zum Kind.

Mona Kattwinkel
Mona Kattwinkel

Mona ist Studentin, Bloggerin und nicht zuletzt Migräne-Expertin. Sie leidet an Migräne seit dem sie 8 Jahre alt ist und engagiert sich als Mitglied einer Selbsthilfegruppe für Migräne innerhalb der MigräneLiga e.V. Deutschland.

Im Januar 2018 erfuhr ich, dass ich schwanger bin und das veränderte schlagartig einiges. Mein gesamter Körper widmete sich nun der Erschaffung und Entwicklung neuen Lebens. Bei mehr als 70 % der betroffenen Frauen bleibt die Migräne in der Schwangerschaft aus oder verbessert sich. Das Glück hatte ich in den ersten beiden Trimestern meiner Schwangerschaft leider nicht und schnell musste ich feststellen, dass die Attacken viel kräftezehrender für meinen Körper waren und diesen um einiges mehr schwächten als davor. In meinem Artikel über Migräne in der Schwangerschaft erzähle ich genauer, wie es mir erging.

»Bei rund 50 % der Schwangeren bessern sich die Migräne-Attacken bereits während der ersten drei Monate«


Nachdem sich in den ersten sechs Monaten meiner Schwangerschaft meine Migräne verschlechterte und ich die Schmerzen während einer Attacke kaum aushalten konnte, hatte ich – bis auf die Zeit kurz vor der Geburt – in den letzten Schwangerschaftsmonaten großes Glück. Meine Migräne war so gut wie verschwunden. Trotz des heißen Sommers, den kaum aushaltbaren Temperaturen und der Schwüle, die bei mir sonst zuverlässig für Migräne-Attacken sorgt, blieben die Schmerzen aus. Hach war das schön! Nach den ersten migränefreien Schwangerschaftsmonaten, hatte ich das Gefühl, schon beinahe vergessen zu haben, wie sich die Schmerzen anfühlen. Doch das wollte das Biest wohl nicht zulassen, denn in den letzten Wochen vor der Geburt, trat meine Migräne erneut heftig und häufig auf. Ich vermute der Grund dafür liegt im Anstieg der Östrogenausschüttung gegen Ende der Schwangerschaft.

Migräne im letzten Schwangerschaftsdrittel

Bei rund 50 % der Schwangeren bessern sich die Migräne-Attacken bereits während der ersten drei Monate, bei acht von zehn Frauen treten die Attacken im zweiten Schwangerschaftsdrittel weniger auf und bei neun von zehn Schwangeren wird die Migräne im letzten Drittel deutlich besser. Laut Experten der DMKG (Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft) ist "die dramatische Besserung der Migräne während der Schwangerschaft wahrscheinlich damit assoziiert, dass gleichbleibend hohe Östrogenspiegel bestehen".


Medikamente in der Schwangerschaft – was ist erlaubt?

Ich habe in meiner gesamten Schwangerschaft auf Medikamente verzichtet. Zu groß waren mir mögliche Risiken für das Leben meines ungeborenen Kindes. Blutdrucksenker wie Beta-Blocker, Triptane, Schmerzmittel wie Novalgin, sämtliche Schlafmittel, Aspirin und eine lange Liste verschiedener Antibiotika sind tabu. Jedoch sind einige wenige Medikamente aus ärztlicher Sicht unbedenklich.

Zum Beispiel dürfen Ibuprofen oder Diclofenac im ersten und zweiten Trimenon, also vor der 28. Schwangerschaftswoche eingenommen werden, jedoch gilt hierfür im letzten Drittel absolutes Tabu. Grund dafür ist die Auswirkung von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) – zu denen auch Ibuprofen und Diclofenac zählen – auf die Gefäßverbindung zwischen der Hauptschlagader und der Lungenarterie im fetalen Blutkreislauf, dem sogenannten Ductus arteriosus: Ibuprofen oder Diclofenac können diesen vorzeitig verschließen und damit den Blutkreislauf des Babys unterbrechen. Ebenso diskutiert wird der Zusammenhang zwischen NSAR und Lungenhochdruck beim Neugeborenen (persistierender pulmonaler Hypertonus), sowie Störungen der Nierenfunktionen.

Zur Behandlung der Übelkeit kann in der Schwangerschaft Vomex eingesetzt werden, jedoch ab dem dritten Trimenon nur in äußersten Notfällen und nur nach Rücksprache mit dem Gynäkologen.


Das Horrorszenario: Migräne während der Geburt

Die Aufregung vor der bevorstehenden Geburt triggerte sicherlich zusätzlich. Besonders Angst hatte ich jedoch vor der Kombination Geburt und Migräne. Ich dachte: “Okay, DAS muss die Hölle auf Erden sein!” Die meisten Frauen beschreiben die Schmerzen unter der Geburt als die schlimmsten und heftigsten ihres gesamten Lebens – und wie schmerzhaft Migräne-Attacken sind, wusste ich ja bereits. Die Kombination stellte ich mir als unaushaltbar vor.


»Ich kannte jedoch auch vereinzelt ein paar Mütter, die ebenfalls unter Migräne litten und zu mir sagten, dass sie Migräne-Schmerzen als schlimmer empfinden, als die Schmerzen unter der Geburt.«


Ich kannte jedoch auch vereinzelt ein paar Mütter, die ebenfalls unter Migräne litten und zu mir sagten, dass sie Migräne-Schmerzen als schlimmer empfinden, als die Schmerzen unter der Geburt. Das hörte ich recht gerne, denn diese Schmerzen war ich in der Lage auszuhalten – und das bereits seit meinem 8. Lebensjahr monatlich, fast schon wöchentlich.

Ich durchforstete das Internet, fragte mich in Migräne-Gruppen durch, beriet mich mit meiner Frauenärztin und Hebamme. Doch ich fand nur Betroffene, die in der Schwangerschaft oder im Wochenbett bzw. in der Stillzeit von Migräne geplagt waren. Keine einzige Frau, die unter der Geburt Migräne hatte und mir hätte Tipps geben können. Niemand, der mir die Angst nehmen oder Hoffnung geben konnte! Meine Frauenärztin faselte was von PDA, Schmerzmittel und Kaiserschnitt und meine Hebamme war der guten Hoffnung, dass es nicht losgehen würde, wenn ich Migräne hatte. Daran hielt ich mich in den übrig gebliebenen Tagen fest.

Mitte September war mein errechneter Geburtstermin, doch mein kleiner Bauchbewohner fühlte sich scheinbar sehr wohl in seiner warmen und dunklen Höhle und hatte es nicht gerade eilig. Die Tage vergingen und langsam wurde ich ungeduldig und nervös. Nichts passierte. Keine Wehen in Sicht.



Migräne in der Schwangerschaft

Migräne in der Schwangerschaft belastet nicht nur die werdende Mutter, sondern auch das Kind. Da die Einnahme von Schmerzmitteln für Schwangere quasi tabu ist, bleiben nur noch sanftere Behandlungsmethoden als Alternative.


Auf der Zielgeraden: die letzte Migräne-Attacke vor der Geburt

Am Sonntag, den 30. September und immer noch schwanger, hatte ich Migräne. Da ich mittlerweile schon bei elf Tagen über dem errechneten Termin war, sollte Montagmorgen ein Einleitungsversuch gestartet werden. Für meine Migräne eine sehr ungünstige Voraussetzung, denn so konnte ich an der festen Überzeugung meiner Hebamme, dass es von Natur aus nicht losgehen würde, wenn ich Migräne hätte, nicht mehr festhalten. Die Geburt sollte künstlich und medikamentös eingeleitet werden, also nichts mit Natur und “von alleine”. JUHU!

»Früh morgens fuhr ich also ins Krankenhaus, meine Migräne vom Vortag ebenfalls in der Kliniktasche.«


Jetzt gibt es kein zurück mehr: die Geburt

Früh morgens fuhr ich also ins Krankenhaus, meine Migräne vom Vortag ebenfalls in der Kliniktasche. Ganz im Gegensatz zu meinen Vorstellungen und der erwarteten riesen Aufregung und Anspannung, blieb ich recht gelassen und cool. Zu groß war die Vorfreude meinen kleinen Mann endlich kennenlernen zu dürfen. Meine Migräne war vormittags verschwunden und nach drei halben Einleitungstabletten ging es los. Die Wehen kamen von jetzt auf gleich im Zwei-Minuten-Takt.

Und dann war er da ...

... der Moment, auf den wir so lange gewartet und den wir seit Monaten herbeigesehnt hatten. Unser Sohn Leo wurde geboren! Er kam mit stolzen 3750 g und 53 cm gesund und und munter auf die Welt. Der schönste und schmerzhafteste Moment meines gesamten Lebens. Vom Bauch direkt in mein Herz. Liebe auf den ersten Blick! Verrückt!

Was ist nun schlimmer: Wehen oder Migräne?

Die anfänglichen Wehen empfand ich durchaus als besser auszuhalten als Migräne-Schmerzen, denn die Schmerzen während einer Attacke sind durchgehend – es gibt keine Pausen, bei jedem Herzschlag pocht es in der Schläfe. Die Wehen dagegen geben einem die Möglichkeit durchzuschnaufen, neue Kraft und Energie zu tanken – wenn auch nur für ein paar Minuten. Außerdem sind Wehen positive Schmerzen: Sie sind für etwas gut, jede Wehe bringt einen näher zum Kind. Migräne-Schmerzen sind völlig sinnlos, quälen einen ohne Grund, ohne lohnenswertes Endergebnis und das über Stunden und Tage hinaus.

»Migräne-Schmerzen sind völlig sinnlos, quälen einen ohne Grund«


Was hilft? Gedankenimagination

Ich sah die Wehen eher als Wellen an. Ein Boot auf einem Ozean, das durch die Wellen seinem Ziel immer näher kommt. Die Wellen, die durch meine Atmung das Boot an den Strand spülen.

Unbeschreiblich diese Naturgewalt, die unter der Geburt zum Ausdruck kommt. Ich habe bisher nichts Faszinierenderes und Beeindruckenderes erlebt.

Auch bei Migräne können Imaginationsübungen helfen. Anhand der eigenen Vorstellungskraft wird der Schmerz verdrängt oder moduliert. Man kann sich z.B. in Gedanken an einen schönen Ort begeben, die Schmerzen abfließen lassen, oder wie ein Wissenschaftler den Schmerz untersuchen und schließlich verkleinern.

Und wie ich da mein eigenes Kind auf der Brust liegen hatte, nackt eingewickelt in ein Handtuch, gesund und munter, dachte ich mir, dass es das wert war: Die Schmerzen in der Schwangerschaft ohne Medikamente auszuhalten hatte sich wahrhaftig gelohnt!

FÜR IHN! FÜR MEINEN SOHN!