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Über den Umgang mit Schmerz und das Märchen von der Migräne-Persönlichkeit

Birgit Schmitz
Birgit Schmitz

Birgit Schmitz leitet den Hamburger Verlag Hoffmann & Kampe und ist Schriftstellerin. In ihrem Buch "Der Schmerz ist die Krankheit" schreibt sie über ihre chronischen Spannungskopfschmerzen.

Auf einem Bein Richtung Toilette

Das Leben hielt sich an den Beipackzettel. Aber leider nur an die Stichworte unter der Rubrik „Nebenwirkungen“. Nach dem mich eine entzündete Schürfwunde am Fuß niedergestreckt hatte, musste ich Ibuprofen gegen Entzündung und Schmerz nehmen. Das Ergebnis war ernüchternd. Schmerz und Entzündungen zeigten sich unbeeindruckt, aber der Magen machte dann doch nach drei Tagen nicht mehr mit. Ich sage nur: Auch auf einem Bein kann man sehr schnell zur Toilette hüpfen. 

Letztlich blieb mir nichts anderes übrig, als den Fuß ruhig zu stellen (dafür bekam ich eine Gipsschiene und Krücken) und ihn hochzulegen. So war ich auch die meiste Zeit schmerzfrei, außer ich nahm den Fuß runter und das Blut gab der Schwerkraft nach. Ganz langsam wird es nun auch besser, die Schwellung und Rötung nimmt ab (wie der Unfallchirurg treffend bemerkte: Würde es nicht rot und dick werden, würden wir viel zu schnell wieder tanzen gehen – klar, was auch sonst :). An der Mischung aus Juckreiz und Schmerz erkenne ich immerhin, dass die Wunde heilt.

Fuß hoch, nun hatte ich Zeit darüber nachzudenken, warum ich in den letzten vierzehn Tagen einigermaßen optimistisch die Situation und den Schmerz ertragen habe (selbst in jenen Schwerkraft-Momenten, wo auf einer Skala von 1 bis 10 der Schmerz sich auf einer 8 oder 9 befand) und ich jedoch in den Jahren anhaltender Kopfschmerzen immer auch Verzweiflung darunter mischte und damit tatsächlich das Gefühl, es nicht mehr ertragen zu können. 

Die Migräne-Persönlichkeit

Früher oder später wird jedem Menschen mit Migräne oder anderen Formen von chronischem Schmerz unterstellt, die Ursachen lägen in der Psyche. Stress, schlechte Gefühle oder Konflikte werden verantwortlich gemacht. In diesem Zusammenhang wird dann gern auch von der Migräne-Persönlichkeit phantasiert. 

Harold Wolff (1898-1962), Begründer der modernen Kopschmerzforschung
Harold Wolff (1898-1962), Begründer der modernen Kopschmerzforschung (cc Medical Center Archives of New York-Presbyterian/Weill Cornell)

Die Vorstellung geht auf den Urvater der modernen Kopfschmerzforschung Harold Wolff zurück. In den dreißiger Jahren schrieb er Menschen mit Migräne folgende Eigenschaften zu: ehrgeizig, leistungsorientiert, perfektionistisch, zwanghaft ordentlich, unterdrückt feindselig. Ganz dem damaligen Zeitgeist gemäß wurden auch die Schädel der Patienten vermessen und ihnen eine außergewöhnliche Intelligenz, aber auch emotionale Zurückgebliebenheit nachgesagt. Auch andere körperliche Merkmale wie rote Haare, alterslose Schönheit und Anmut fänden sich bei Frauen mit Migräne häufiger. Vermutlich einer der sehr seltenen Fälle, wo ein Stigma so schön ausgestaltet wurde.

Oliver Sacks führt dagegen in seinem Buch "Migräne" ein sehr einleuchtendes wie banales Argument ins Feld: Weil Migräne so unterschiedlich ausschauen kann und ebenso viele verschiedene psychologische Gründe dafür vorliegen können, ist es nicht möglich, eine einfache Verbindung dazwischen zu ziehen, sondern es ergeben sich so viele Kombinationsmöglichkeiten, dass es am Ende doch darauf hinausläuft, dass es bei jedem Menschen anders gelagert ist. Schon aus diesem Grund hält er eine »Migränepersönlichkeit« für Unfug. 

Hans-Christoph Diener, einer der führenden Kopfschmerzexperten in Deutschland, stellt darüber hinaus klar: „Für mich hat jeder Kopfschmerz eine organische oder biologische Grundlage. Einen rein psychogenen Kopfschmerz gibt es nicht. Aber die jeweilige Ausprägung ist sehr stark von der Psyche bestimmt, also von der Frage: Wie gehe ich mit meinem Schmerz um, wie verarbeite ich ihn.“

Der Schmerz, der vorübergeht und der Schmerz, der bleibt

Niemand dürfte es also wundern, dass ständiger Schmerz eine permanente Herausforderung bedeutet. Ängstlichkeit, Verzweiflung oder Depression stellen sich allerdings erst ein, nachdem man chronische Schmerzen bekommen hat, sie sind nicht vorher schon da. Der Schmerzexperte Walter Zieglgänsberger geht davon aus, dass 70 bis 80 Prozent der chronischen Schmerzfälle mit Ängsten und Depression einhergehen: „Die Situation chronischer Schmerzkranker gleicht der von Folteropfern. Folter funktioniert ja auch nicht nur durch direkte körperliche Gewalt, sondern bereits durch die Androhung von Schmerzen und die Angst davor. Gerade Kopfschmerz hat oft eine sehr stark Angst machende Komponente, weil wir es als besonders bedrohlich empfinden, wenn im Kopf etwas nicht stimmt.“ 

Mit meinem Fuß verhielt es sich ganz anders. Zum einen ist es wirklich weniger bedrohlich, wenn damit etwas nicht stimmt, zum anderen war ich mir immer sicher, dass der Schmerz vorübergeht. Das macht es sehr viel leicht ihn zu ertragen. Die Komponente der Angst fällt fast weg. Ein bisschen Unruhe spürt man schon, wenn es länger dauert, denn schließlich ist die Aufgabe des Schmerzes uns zu sagen, dass etwas nicht stimmt und wir etwas tun oder ändern sollte. Aber manchmal ist die wichtigste Veränderung, dem Körper einfach nur Zeit und Ruhe zu gönnen.