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Schwangerschaft & Migräne

Bild: Dakota Corbin via Unsplash

Mona Kattwinkel
Mona Kattwinkel

Mona ist Studentin, Bloggerin und nicht zuletzt Migräne-Expertin. Sie leidet an Migräne seit dem sie 8 Jahre alt ist und engagiert sich als Mitglied einer Selbsthilfegruppe für Migräne innerhalb der MigräneLiga e.V. Deutschland.

Ein lebensverändernder Donnerstag

Es sollte ein ganz normaler Donnerstag werden, wie jeder andere. Doch als ich an diesem Tag einen Schwangerschaftstest machte, änderte sich mein Leben schlagartig. Der zweite Strich war innerhalb von Sekunden sichtbar. Eigentlich wollte ich den Test machen, um sicherzugehen, dass ich nicht schwanger bin – denn wie wahrscheinlich konnte eine Schwangerschaft trotz hormoneller Verhütung schon sein? Eigentlich unmöglich, das dachten wir zumindest. Aber FEHLANZEIGE!

Ich war zu diesem Zeitpunkt alleine Zuhause, mein Freund war bei der Arbeit. Ich rief ihn an. Einmal. Zweimal. Dreimal. Leider vergeblich. Mir liefen Tränen die Wangen herunter, ich zitterte und schwitzte am ganzen Körper, mein Herz raste. Nachdem ich ihn endlich erreicht hatte, machte er sich sofort auf den Weg nach Hause. Als er die Wohnungstür aufschloss, fiel ich ihm heulend in den Arm und flüsterte »Der Test war positiv!« Glücklicherweise gelang es ihm, mich zu beruhigen. Und so endete dieser lebensverändernde Donnerstag verheult, verunsichert, geschockt, verwirrt und mit Migräne früh am Abend im Bett.

Aufregung, Anspannung und Stress ist nämlich ein sehr zuverlässiger Trigger meiner Migräne. Normalerweise hätte ich in diesem Moment zu Schmerzmitteln gegriffen, aber nun wurde mir schlagartig klar, dass ich darauf während der Schwangerschaft verzichten musste. Ich legte mich also ins dunkle Schlafzimmer, mit einem kalten Waschlappen im Nacken und Pfefferminzöl auf der Stirn. Doch an Schlaf war nicht zu denken. Zu viel ging mir im Kopf herum, zu stark waren die Schmerzen.

War ich tatsächlich schwanger?

Nachdem meine Frauenärztin diese Frage am folgenden Tag mit einer Ultraschalluntersuchung bestätigte, folgte die konkrete gedankliche Auseinandersetzung mit dieser großen Veränderung. Die restliche Familie einzuweihen und ihre Reaktionen zu erleben, half uns die Tatsache zu realisieren und zu verinnerlichen. Im Grunde reagierten alle ähnlich. Sie waren ziemlich überrascht, teilweise kurz sprachlos, aber im Endeffekt alle positiv erfreut.

Tage und Wochen vergingen und die ersten deutlichen Schwangerschaftsanzeichen machten sich bemerkbar. Der anfängliche Schock wurde nach und nach durch Zuversicht, Akzeptanz und Freude ersetzt.

Migränefrei durch die Schwangerschaft

Meine Mutter hatte vor ihren Schwangerschaften auch Migräne. Zwar nicht so häufig und stark wie ich, aber nach der Geburt meiner älteren Schwester blieben diese weg. Sie litt nur noch maximal 1-2x im Jahr unter einer Attacke. Für chronische Migräniker ein Traum!

Eine Schwangerschaft verändert einiges. Der gesamte Körper widmet sich der Erschaffung und Entwicklung neuen Lebens und hat vieles zu tun. Bei mehr als 70% der betroffenen Frauen bleiben die Migräneattacken in der Schwangerschaft aus oder sind schwächer. Gerade in den letzten zwei Dritteln der Schwangerschaft müssen viele Frauen deutlich weniger oder gar keine Attacken mehr aushalten. Frauen, die unter hormoneller Migräne leiden und immer um ihre monatliche Periode herum von einer Attacke heimgesucht werden, profitieren in der Schwangerschaft vom Wegbleiben der Menstruation und der konstant hohen Konzentration an weiblichen Hormonen. Dieser hohe Spiegel von Östrogen und Progesteron, der nach der Geburt wieder abfällt, sorgt bei etwa der Hälfte der Frauen für erneut häufig und intensiv auftretende Migräneattacken. Bei manchen können sich diese im Wochenbett und in der Stillzeit auch verschlimmern, weil das Hormon Prolaktin vermehrt ausgeschüttet wird. Prolaktin wird vor allem gegen Ende der Schwangerschaft produziert und sorgt dafür, dass sich Milch in den Brüsten bildet.

Doch auch andere körpereigene Botenstoffe, wie die Neurotransmitter Serotonin und Endorphin, können in der Schwangerschaft verhindern, dass die Schmerzreize ins Bewusstsein gelangen. Ebenso kann die gesündere Lebensweise von Schwangeren und der Verzicht auf Alkohol und Nikotin dafür sorgen, dass weniger Migräneattacken auftreten.

Ich gehöre jedoch leider zu den 30% deren Migräneattacken in der Schwangerschaft nicht ausbleiben, sondern ganz im Gegenteil vermehrt auftreten. MIST!

Medikamentöse Behandlung von Schmerzen in der Schwangerschaft

Schnell musste ich feststellen, dass eine Migräneattacke in der Schwangerschaft viel kräftezehrender für meinen Körper ist und diesen um einiges mehr schwächt als davor. Dazu kommt das Gefühl, den Schmerzen völlig ausgeliefert zu sein, sie immer aushalten zu müssen und zu warten, bis sie von alleine endlich verschwinden. Denn bei einer medikamentösen Behandlung in der Schwangerschaft muss man immer eine mögliche Gefährdung des Fötus berücksichtigen. Gerade im ersten kritischen Trimester, in der die Entwicklung des Ungeborenen besonders störanfällig ist, sollte auf Medikamente möglichst komplett verzichtet werden.

Warnung vor Paracetamol in der Schwangerschaft

Bisher galt Paracetamol als das sicherste Schmerzmittel in der Schwangerschaft. Schwangeren wurde nahezu bedenkenlos die Einnahme dieses Schmerzmittels empfohlen. Aktuelle Studien zeigen jedoch Erschreckendes: Die Einnahme von Paracetamol bei Schwangeren kann später bei den Kindern zu einem bedeutsam erhöhten Risiko für die Entwicklung von ADHS, Asthma und Atemwegserkrankungen, sowie möglicher Unfruchtbarkeit bei Jungen führen. Der begründete Verdacht, dass Paracetamol ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung der Lageanomalie des Hodens bei Jungen (Kryptorchismus) darstellt, kann später zu einer verminderten Zeugungsfähigkeit und einem erhöhten Auftreten von bösartigen Hodentumoren führen.

Leider musste ich während meiner Recherchen feststellen, dass sowohl die bekannte Seite embryotox.de (die von Hebammen und Frauenärzten bei Unsicherheiten und Fragen bezüglich der Einnahme von Arzneimitteln in der Schwangerschaft empfohlen wird), als auch diverse andere Quellen Paracetamol als sicheres und geeignetes Medikament für Schwangere anpreisen.

Als ich während der Schwangerschaft wegen starker Zahnschmerzen beim zahnärztlichen Notdienst war, wurde mir auch dort gesagt, dass ich ohne Bedenken Paracetamol einnehmen könnte. Ich persönlich bin der Ansicht, man sollte in der Schwangerschaft kein Medikament ganz ohne Bedenken einnehmen. Die Einnahme bedarf immer einem intensiven vorherigen Abwägen von Nutzen und Risiken. Da Paracetamol nur ein leichtes Schmerzmittel ist, hilft es den Meisten bei starken Schmerzen und einer Migräneattacke übrigens sowieso nicht.

Die meisten wirksamen Therapeutika bei Migräne, wie beispielsweise Triptane, sind aufgrund einer unsicheren oder nicht eindeutigen Datenlage nur mit Vorsicht und nach einem ausführlichen Gespräch mit dem behandelnden Frauenarzt und Neurologen in Betracht zu ziehen.

Grundsätzlich ist es empfehlenswert in der Schwangerschaft – vor allem im ersten Drittel – komplett auf die Einnahme von Schmerzmitteln zu verzichten. Bei besonders schweren Schmerzen kann nach ärztlicher Beratung eine Akutmedikation erwogen werden. Da jede Frau, jede Migräne und jede Schwangerschaft so individuell verschieden und einzigartig zu betrachten sind, kann hier allerdings keine allgemeine Empfehlung für eine medikamentöse Behandlung bei Schmerzen in der Schwangerschaft ausgesprochen werden.

Sanfte Behandlungsmethoden gegen Migräne

Mir wurde von Hebamme und Frauenärztin die Einnahme von hochdosiertem Magnesium nahe gelegt, sobald ich merke, dass sich eine Migräneattacke anbahnt. Das Nahrungsergänzungsmittel entspannt die Muskeln, wirkt entzündungshemmend, stabilisiert den Blutdruck und beruhigt das Nervensystem. Magnesium hat aufgrund seiner krampflösenden Wirkung ebenfalls einen positiven Effekt bei Kontraktionen der Gebärmutter und vorzeitigen Wehen und kann so das Risiko einer Früh- oder Fehlgeburt verringern.

Besonders in der Schwangerschaft ist die Vorbeugung von Migräneattacken wichtig. Durch gezieltes Entspannungstraining, wie z.B. die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Autogenem Training oder Atem-Meditation, kann sich die Muskulatur entspannen, Stresshormone abgebaut und körpereigene Schmerzabwehrsysteme regeneriert werden. Erfolge können sich jedoch bei solchen alternativen Behandlungsmethoden nur dann einstellen, wenn die Übungen regelmäßig ausgeführt werden.

Kühlende Kompressen, sanfte Gesichtsmassagen und beruhigende ätherische Öle (wie Pfefferminz- oder Lavendelöl) können zur Linderung beitragen, jedoch die Schmerzen nie ganz nehmen. Akupunktur zeigt bei einigen ebenfalls eine gute Wirksamkeit in der Schwangerschaft und Stillzeit und kann ohne weitere Bedenken angewandt werden.

Kopfschmerzen in der Schwangerschaft können, abgesehen vom Hormonchaos, viele weitere Ursachen haben, denn der Körper reagiert unter Umständen empfindlicher auf Faktoren wie Stress, Nahrungsmittel oder Schlafmangel. Auch ein niedriger Blutzuckerspiegel oder Eisenmangel und eine damit einhergehende Blutarmut können Kopfschmerzen auslösen. Bei normalen Kopfschmerzen kann ausreichend viel Schlaf (7,5 Stunden), viel Trinken (mind. 2 Liter), viel frische Luft und Bewegung (mind. 15 Minuten am Tag) sowie viele kleine regelmäßige Mahlzeiten vorbeugend Kopfschmerzen vermeiden. Auch Kaffee (maximal 200-300mg Koffein/2-3 Tassen Kaffee pro Tag) ist in der Schwangerschaft keineswegs tabu und kann helfen, den Kreislauf in Schwung zu bringen.

Gemeinsam den Schmerz überstehen

Ich bin nun im sechsten Monat und mehr als die Hälfte der Schwangerschaft ist geschafft. Meine Migräne ist nach wie vor unverändert. Die Attacken haben sich in ihrer Intensität nicht unbedingt verstärkt, jedoch fällt es mir schwerer, sie auszuhalten, weil ich komplett auf Medikamente verzichte und mich den Schmerzen völlig hilflos ausgeliefert fühle. Die Gewissheit die nächsten Stunden und Tage mit den heftigsten Schmerzen im Bett liegen zu müssen, ohne etwas dazu beitragen zu können, dass diese schneller verschwinden, ist ziemlich belastend. Auch wenn die Migräne an sich dem Ungeborenen nicht schadet, spürt das Kind den Stress, den mein Körper während der Schmerzen durchmacht und schüttet ebenfalls Stresshormone wie Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin aus. Wenn ich mit Migräne im Bett liege, versuche ich Kontakt zu meinem Baby aufzunehmen, es durch sanfte Streicheleinheiten, einer tiefen und ruhigen Atmung zu entspannen und mit ihm gemeinsam die Schmerzen zu überstehen.

Mona muss während der Schwangerschaft auf schmerzlindernde Mittel gegen die Migräne verzichten.
Mona muss während der Schwangerschaft auf schmerzlindernde Mittel gegen die Migräne verzichten.

»Hey Mama, du schaffst das!«

Vor einigen Tagen hatte ich eine Migräneattacke, die auf meiner eigenen Schmerzskala eine 10 erreichte und mit allen Symptomen daher kam, die eine Migräneattacke zu bieten hat. Ich lag weinend im Bett, konnte die Schmerzen kaum aushalten und war kurz davor mich ins Krankenhaus fahren zu lassen. Ich hatte das Baby den Tag über noch nicht gespürt, doch als ich an diesem Abend im Arm meines Freundes lag und meinen Bauch streichelte, stupste mich unser Sohn auf einmal von innen an. Einmal. Zweimal. Dreimal. Für einen kurzen Moment vergaß ich diese unerträglichen Schmerzen und lächelte vor Glück. Seine sanften Tritte gegen das Innere meiner Bauchdecke interpretierte ich als ein: »Hey Mama, sei nicht so traurig! Ich bin da! Du schaffst das!«

War ich zwischenzeitlich sogar sauer, dass ich aufgrund der Schwangerschaft auf jegliche Schmerzmittel verzichten musste, zeigte mir der kleine Mann in diesem Moment, dass es das wert ist und, dass ich es für ihn und seine gesunde Entwicklung machte. Ich flüsterte ihm ein »Danke!« zu und schlief ein.