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Schwimm drüber! Wie man mit Sport seine Schmerzen bekämpft

Birgit Schmitz
Birgit Schmitz

Birgit Schmitz leitet den Hamburger Verlag Hoffmann & Kampe und ist Schriftstellerin. In ihrem Buch "Der Schmerz ist die Krankheit" schreibt sie über ihre chronischen Spannungskopfschmerzen.

Mit Migräne auf die Tanzfläche?

Es genügt mitunter, bei einem Wort einen Buchstaben auszutauschen und schon hat man einen knackigen Satz, den sich jeder merken kann. Der Neurowissenschaftler und Schmerzforscher Walter Zieglgänsberger wiederholt gern den Ausspruch “Tango statt Fango”, wenn es um den Umgang mit Schmerzen geht. Kranke Menschen neigen dazu, sich zu schonen, und das erst recht, wenn jede Bewegung wehtut. Logisch, dass sie dann irgendwann gar nichts mehr tun oder nur noch das gerade Notwendigste. Bis zum Masseur schafft man es noch, aber ein Abend auf der Tanzfläche scheint Lichtjahre entfernt. Denn schließlich scheint der Schmerz ziemlich unmissverständlich zu sagen, dass man nun mal bitte schön nicht rennen soll, nicht Fahrrad fahren, nicht klettern. Und Zähne zusammenbeißen geht halt auch nur für eine begrenzte Zeit.

Umgekehrt fehlt mir gerade die Bewegung, denn nach einem kleinen Unfall vor einigen Wochen, darf ich noch immer nicht viel laufen, geschweige denn schwimmen oder Rad fahren. So verführerisch die Vorstellung auch ist, den ganzen Tag auf dem schattigen Balkon im Liegestuhl vor sich hin zu dösen – am Ende wird auch das schnell sehr langweilig. Aber das ist nun nicht der einzige Grund, warum regelmäßige Bewegung gut ist.

Inzwischen weiß man, dass Sport Osteoporose vorbeugt. Die Arbeit der Muskeln wirkt auf den Knochen, er baut dadurch neue Substanz auf. Ähnlich gute Wirkung erzielt Bewegung beim Herzen, bei zu hohem Blutdruck und Diabetes. Auch bei Krebs, sagt man, könnte Sport vorbeugend wirken. Sport kann sogar die Erbsubstanz reparieren. Und dass beim Sport Dopamin und Serotonin ausgeschüttet werden, gehört inzwischen quasi zum Allgemeinwissen. Dopamin und Serotonin steigern Konzentration und Denkfähigkeit, wirken gut gegen Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit und Depression. Bei manchen ersetzt der Sport sogar die Tabletten. Das liegt einerseits an physischen Prozessen, aber andererseits auch daran, dass man sich stärker und aktiver fühlt, der Krankheit nicht mehr so machtlos ausgesetzt ist.

Eine Stunde laufen ersetzt Betablocker

Man beginnt gerade erst zu verstehen, dass auch die Schmerzempfindlichkeit durch Training reduziert wird. Aber über den Mechanismus dahinter wird immer noch spekuliert. Eine Erklärung lautet, dass durch den Sport das körpereigene Opioid-System angeregt und schmerzhemmenden Endocannabioide und Endorphine ausgeschüttet werden. Eine andere Begründung dafür ist, dass Schmerzmechanismus und Blutkreislauf über dasselbe Hirnareal gesteuert und beim Sport mehr Neurotransmitter produziert werden. Jene Neurotransmitter, die auch beim Schmerz und seiner körpereigenen Dämpfung eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Das ist alles nicht ganz einfach zu belegen. Man kann schließlich keine Blindstudien durchführen, und so etwas wie einen Placeboeffekt gibt es auch nicht. Entweder man macht Sport, oder man macht keinen. 2008 gelang es jedoch den Neurologen Henning Boecker und Thomas Tölle tatsächlich zu zeigen, dass auch Hirnareale, die mit Emotionen und Schmerzverarbeitung zu tun haben, nach dem Sport einen erhöhten Endorphinspiegel aufwiesen. Tölle zufolge, hilft bei Migräne eine Stunde Laufen pro Woche so gut, wie jeden Tag Betablocker zu nehmen. Man ist also dabei, die Wunderkräfte des Sports zu entschlüsseln. 

Go for Gold

Für mich kamen anfangs drei mögliche Sportoptionen in Frage: jeweils eine Dreiviertelstunde mit dem Fahrrad zur Arbeit und zurück, Joggen oder Schwimmen. Fahrrad fuhr ich schon immer, das schien mir kein richtiger Sport zu sein. Ich begann also zu joggen, denn auch ich hatte schon mal vom “Runner’s High” gehört. Bereits Anfang der 80er Jahre hatten amerikanische Wissenschaftler entdeckt, dass sich Läufer nach dem Training euphorisch fühlten oder während des Laufens in einen Zustand kamen, der es ermöglicht, sich über Schmerz und Erschöpfung hinwegzusetzen. Sie konnten nachweisen, dass der Endorphinspiegel im Blut gestiegen war. Ob sich auch etwas im Gehirn veränderte, war daraus allerdings nicht zu schließen. Ich hoffte also, dass sich mit dem Laufen reichlich Endorphine in meinem Körper ausbreiten und dem Schmerz einen ordentlichen Kick verpassen würden. Doch eigentlich hatte ich Joggen schon immer verabscheut.

Blieb also das Schwimmen. Dabei bin ich keine ausgesprochen gute Schwimmerin, beherrsche nur Brustschwimmen einigermaßen. Bei allen anderen Stilen laufe ich Gefahr, nach einer halben Bahn entweder unterzugehen, Wasser zu schlucken oder meine Arme und Beine heillos zu verheddern. Trotzdem hatte ich mir vorgenommen, ich würde meinen Schmerzen quasi davonschwimmen und verschwand von da an zwei bis drei Mal die Woche in meiner Wasserwelt. Mit der Zeit brachte ich es zu Bronze, dann Silber, am Ende zu Gold. Das waren nicht die Medaillen, die ich beim Schwimmen abräumte, sondern die Dauerkarten, die ich mir nach und nach für das städtische Schwimmbad kaufte. Sie unterschieden sich in der Höhe des Rabatts auf den einzelnen Eintritt. Die goldene Karte habe ich als Andenken behalten und in ein Scrapbook eingeklebt, wo ich Dinge sammele, die mich an eine bestimmte Zeit erinnern sollen. Wenn ich ruhig und gleichmäßig meine Bahnen zog, hatte ich keine Kopfschmerzen. Sobald ich ins Wasser eintauchte, waren sie verschwunden.