Migräne Piercing

Kann ein Migräne Piercing helfen die Anzahl der Schmerztage sowie die Intensität der Schmerzen bei Migräne zu reduzieren?

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Franziska Schulz

Franziska unterstützt das Forschungs- und Entwicklungsteam bei Perfood und bringt ihr erworbenes Wissen als studierte Bewegungswissenschaftlerin bei der Gestaltung neuer Therapiemethoden mit ein. Mit Hilfe von wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen möchte sie Euch ermutigen, gesunde Ernährung und Bewegung neu für Euch zu entdecken.

Seit einiger Zeit verbreitet sich ein Trend, der Migränebetroffene hellhörig werden lässt. Die Rede ist von dem sogenannten Migräne Piercing. Allein durch das Tragen des Ohrschmucks sollen die Anzahl der Migräne-Schmerztage sowie die Intensität der Kopfschmerzen abnehmen.
Dazu müsse man lediglich einmalig die Schmerzen beim Stechen des Piercings in Kauf nehmen. Für jeden, der bereits eine Migräneattacke erlebt hat, klingt das äußerst verlockend. Aber steckt hinter dem Piercing wirklich mehr als bloßer Körperschmuck und kann man sich das Piercing gefahrlos stechen lassen?

Was ist ein Migräne Piercing?

Eine Migräneattacke ist nicht vergleichbar mit gewöhnlichen Kopfschmerzen. Die starken, pulsierenden Schmerzen gehen meist mit weiteren Symptomen wie Übelkeit und Reizempfindlichkeit einher und können mehrere Tage andauern. Vielen Betroffenen hilft im Falle einer Migräneattacke nur noch der Rückzug in ein dunkles Zimmer. Umso größer ist das Interesse und der Bedarf an neuen Therapiemethoden.

Thema von Diskussionen ist aktuell das sogenannte Migräne Piercing. Dieses wird im Bereich des Ohrknorpels gestochen. Bekannt ist es auch als Daith-Piercing, dessen Name sich vom hebräischen Wort Daath für Wissen ableitet. Dabei sticht der Piercer durch die erste Knorpelfalte in der Ohrmuschel. Hier liegen spezielle Akupunkturpunkte, die auch zur Behandlung von Migräne verwendet werden. Die Annahme ist, dass diese Punkte durch das Ohrpiercing dauerhaft stimuliert werden und so zu einer Linderung von Migräne und Kopfschmerzen führen.

Studienlage: Wirksamkeit eines Daith-Piercings auf Migräne

Die Idee hinter der Wirksamkeit des Migräne Piercings liegt in der Akupunktur. Dabei setzen speziell ausgebildete Ärzt:innen sehr feine Nadeln mit einem Durchmesser unter einem Millimeter in definierte Regionen (Akupunkturpunkte) des Ohrs. Durch die Stimulation der Akupunkturpunkte können laut asiatischer Sichtweise Blockaden des Energieflusses gelöst und Schmerzen gelindert werden. Aus westlicher Sicht ist bekannt, dass Akupunktur komplexe körperliche Reaktionen, wie eine Aktivierung des Nervensystems, auslösen kann. Studien haben gezeigt, dass Akupunktur in der Tat Patient:innen mit Migräne helfen kann und wirksam in der Vorbeugung von Migräneattacken sein kann1,2.

Die Idee hinter dem Migräne Piercing ist, durch den Schmuck am Ohr die gleichen Punkte wie bei einer Akupunktur-Behandlung zu stimulieren und das Nervensystem, insbesondere den Vagusnerv, zu aktivieren. Dieser spielt unter anderen eine Rolle bei der Schmerzweiterleitung. Während Akupunktur zur Vorbeugung von Migräneattacken anerkannt ist3, fehlt es an Studien, die den Nutzen eines Daith-Piercings beleuchten. Daher gibt es bisher keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit des Ohrpiercings in der Therapie von Migräne. Dennoch gibt es Personen, die berichten seit dem Piercing weniger Kopfschmerzen zu haben.3,4 Ob diese Wirkung tatsächlich über einen Placebo-Effekt hinaus geht, muss in Studien untersucht werden.

Migräne Piercing

Welche Risiken bringt ein Migräne Piercing mit sich?

Migräne Betroffene mit einer hohen Anzahl an Migränetagen sind vermutlich in der Hoffnung auf eine Reduktion der Schmerzen dazu verleitet jeden Strohhalm zu greifen. Aber es ist fraglich, ob sich dieses Risiko wirklich lohnt.

Das Daith-Piercing zählt zu den anspruchsvolleren Piercings, da die vorgesehene Stelle im Ohr klein und eng ist. Bei einigen Personen ist diese Stelle sogar so eng, dass es anatomisch nicht möglich ist, dieses Piercing zu stechen. Außerdem ist der Ohrknorpel an dieser Stelle sehr fest und wenig durchblutet, wodurch die Heilung bis zu 6 Monate betragen kann. Auf Grund der schlechteren Durchblutung besteht ebenfalls ein höheres Risiko einer verzögerten Wundheilung und einer möglichen Infektion. Es kann zu Entzündungen und kosmetischen Folgen wie einer Verformung der Ohrmuschel kommen. Das Migräne Piercing sollte daher nur von erfahrenen Piercern gestochen werden und bedarf einer verantwortungsvollen Nachsorge.

Darüber hinaus könnte das Daith-Piercing sogar negative Auswirkungen auf die Behandlung von Migräne haben, denn das Durchstechen von Akupunkturpunkten kann dazu führen, dass das Hautareal verloren geht und dort kein therapeutischer Nutzen mehr erzielt werden kann.

Ist ein Migräne Piercing sinnvoll?

Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) warnt davor, sich aus den falschen Beweggründen piercen zu lassen5. Abseits der gesundheitlichen Risiken ist es fraglich, ob ein Daith-Piercing einen Nutzen für Personen mit Migräne hat. Akupunktur erfordert Fingerspitzengefühlt. Es wird mit feinsten Nadeln gearbeitet, um Millimeter genau Areale auf der Hautoberfläche zu stimulieren. Weder kann ein Piercer ohne Kenntnisse der Akupunktur garantieren, die richtigen Punkte zu treffen, noch kann ein Piercing das gleiche Maß an Sensitivität sichern. Außerdem würden die Akupunkturpunkte durch den Ohrring dauerhaft gereizt werden. Selbst wenn die Schmerzen durch das Piercing gelindert werden ist anzunehmen, dass der Körper gegen die permanente Stimulierung abstumpft und die Schmerzen nach kurzer Zeit zurückkehren.6

Ein verantwortungsvoller Piercer wird dir daher nicht versprechen, dich mit einem Daith-Piercing von deiner Migräne heilen zu können, denn bisher gibt es keinerlei wissenschaftliche Hinweise darauf, dass das Migräne Piercing helfen kann, Kopfschmerzen zu lindern. Wir empfehlen dir daher, nicht zu viel Hoffnung auf diesen Trend zu setzen. Solltest du dir dennoch aus rein optischen Gründen ein Daith-Piercing wünschen, solltest du dich in die Hände eines kompetenten Piercers begeben, der dich gut beraten kann.

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Fazit

Ein Migräne- oder auch Daith-Piercing scheint bei einigen Betroffenen die Anzahl der Migräne-Attacken sowie die Schmerzintensität der einzelnen Anfälle zu reduzieren. Wissenschaftliche Belege gibt es dafür jedoch keine und darüber hinaus einige Risiken, die mit diesem kleinen Eingriff einhergehen und denen man sich bewusst sein sollte.

Quellen

1Linde K, Allais G, Brinkhaus B, Fei Y, Mehring M, Vertosick EA, et al. Acupuncture for the prevention of episodic migraine. Cochrane Database Syst Rev. 2016(6):CD001218.

2Linde K, Allais G, Brinkhaus B, Manheimer E, Vickers A, White AR. Acupuncture for migraine prophylaxis. Cochrane Database Syst Rev. 2009(1):CD001218.

3Cascio Rizzo A, Paolucci M, Altavilla R, Brunelli N, Assenza F, Altamura C and Vernieri F (2017) DaithPiercing in a Case of Chronic Migraine: A Possible Vagal Modulation. Front. Neurol. 8:624. doi: 10.3389/fneur.2017.00624

3Diener H.-C., Gaul C., Kropp P. et al., Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne, S1- Leitlinie, 2018, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie.

4 Gerson T, Connelly M, Boorigie M, Bickel J, Dilts J. Perceptions Regarding Daith Piercing in Migraine, A Survey of Pediatric Patients. J. 2020; 3(3):289-298. https://doi.org/10.3390/j3030022

5Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG). Die DMKG warnt: Piercing ist nicht zur Therapie der Migräne geeignet!. https://www.dmkg.de/therapie-empfehlungen/migraene/die-dmkg-warnt-piercing-ist-nicht-zur-therapie-der-migraene-geeignet (2019).

6Verband Professioneller Piercer. Stellungnahme des Verbandes Professioneller Piercer zum Thema Piercing gegen Migräne. https://vpp-piercing.de/piercing-gegen-migraene/ (2016).

7Bernecker C. et al. (2011): Oxidative stress is associated with migraine and migraine-related metabolic risk in females. In: European Journal of Neurology, 18(10), S.1233-9.

Gruber, H.-J. et al. (2010): Hyperinsulinaemia in Migraineurs Is Associated with Nitric Oxide Stress. In: Cephalalgia30 (5), S. 593–98. https://doi.org/10.1111/j.1468-2982.2009.02012.x.

Siva, Z.O. et al. (2018): Determinants of Glucose Metabolism and the Role of NPY in the Progression of Insulin Resistance in Chronic Migraine. In: Cephalalgia38 (11), S. 1773–81. https://doi.org/10.1177/0333102417748928.

Yilmaz, N. et al. (2011): Impaired Oxidative Balance and Association of Blood Glucose, Insulin and HOMA-IR Index in Migraine. In: Biochem. Med., 21, S. 145–151.

8Bongiovanni, D. et al. (2021): Effectiveness of Ketogenic Diet in Treatment of Patients with Refractory Chronic Migraine. In: Neurol Sci, doi:10.1007/s10072-021-05078-5.

Evcili, G. et al. (2018): Early and long period follow-up results of low glycemic index diet for migraine prophylaxis. In: Agri.30(1), S. 8-11. doi: 10.5505/agri.2017.62443.

Razeghi, J. S. et al. (2019): Association of diet and headache. In: Journal of Headache and Pain, 20(1), S. 106. doi:10.1186/s10194-019-1057-1.