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Migräne und Depressionen – über Zusammenhänge und Wechselwirkungen

Mona Kattwinkel
Mona Kattwinkel

Mona ist Studentin, Bloggerin und nicht zuletzt Migräne-Expertin. Sie leidet an Migräne seit dem sie 8 Jahre alt ist und engagiert sich als Mitglied einer Selbsthilfegruppe für Migräne innerhalb der MigräneLiga e.V. Deutschland.

Wie bedingen sich Migräne und Depressionen gegenseitig? Eine Frage, die mich als Migräne-Betroffene schon lange interessiert hat, da ich in Foren und Selbsthilfegruppen immer wieder damit konfrontiert worden bin. Den "Tag der seelischen Gesundheit" habe ich zum Anlass genommen, mal zu recherchieren.

Fragen über Fragen

Der Zusammenhang von chronischen Schmerzerkrankungen wie Migräne und psychischen Erkrankungen wie Depressionen wird von Forschern und Ärzten bereits jahrelang untersucht und diskutiert. Dabei stellen sich eine Menge teilweise auch noch ungeklärter Fragen.

Sind Depressionen eine natürliche Folge der Migräne oder die Migräne eine Folge der Depression? Haben die beiden Erkrankungen gleiche Ursachen und Auslöser? Welche Erkrankung war zuerst da und wie behandelt man so eine Mehrfacherkrankung am besten und effektivsten?

Zahlen und Fakten zu Migräne und Depressionen

In Deutschland leben circa 12 - 15 Millionen chronisch Schmerzkranke, von denen 30 - 50% – also circa 4,5 bis 6,5 Millionen Menschen – im Laufe ihres Lebens depressive Verstimmungen oder eine Depression entwickeln. Zwei bis drei Millionen Menschen sind aufgrund ihrer chronischen Schmerzen und ihrer Depression sogar komplett arbeitsunfähig. Wenn der Leidensdruck der Patienten sehr hoch ist und sich keine Therapie finden lässt, die ihnen auf Dauer wirklich hilft und Besserung verschafft, erscheinen depressive Verstimmungen aus Hilf- und Hoffnungslosigkeit als eine logische Folgeerscheinung von Migräne.

In 80% der Fälle haben die Betroffenen zuerst chronische Schmerzen und entwickeln dann eine Depression, doch auch von den 4 bis 4,5 Millionen an Depression erkrankten Menschen in Deutschland entwickeln zwei von drei im Verlauf ihrer Krankheit chronische Schmerzen.

In einer Studie der Woman’s Health in den USA verglichen Wissenschaftler aktuelle und vergangene Migräne-Episoden mit depressiven Erkrankungen von über 36.000 Frauen, von denen 6.400 von Migräne betroffen waren bzw. sind. Innerhalb von 14 Jahren entwickelten 4.000 Frauen zusätzlich zu ihrer neurologischen Erkrankung eine Depression. Forscher der Universität in Toronto fanden heraus, dass die Gruppe der unter 30-jährigen Migräne-Patienten besonders häufig betroffen war. Diese hatten 6 mal häufiger Depressionen als Migräniker, die 65 Jahre oder älter waren.

Wie kommt es zur Komorbidität von Migräne und Depressionen?

Was beiden Erkrankungen zu Grunde liegt, ist eine gemeinsame genetische Komponente und ein gestörter Serotoninhaushalt. Serotonin, auch Wohlfühl- und Glückshormon genannt, ist ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle in der zentralen Schmerzverarbeitung, Schmerzinduktion und auch in der Neurobiochemie der Depression spielt.

Sowohl bei chronischen Schmerzen, als auch bei Depressionen besteht ein Ungleichgewicht von Serotonin und Noradrenalin, welche normalerweise auf Ebene des Rückenmarkes die Schmerzweiterleitung ins Gehirn hemmen. Liegt jedoch ein Ungleichgewicht oder Mangel der beiden Botenstoffe vor, geht die natürliche Schmerzhemmung verloren und jeder Reiz wird ungefiltert an das Gehirn weitergeleitet. Dies sorgt z.B. dafür, dass depressive Menschen bereits kleinste Signale als Schmerzen wahrnehmen.

Es erscheint also als durchaus plausibel, dass eine Subgruppe von Depression und eine Subgruppe von Migräne ein gemeinsames Cluster ergeben kann, dessen Erforschung eines Tages zu besseren Strategien und Behandlungsmöglichkeiten für das gemeinsame Auftreten von Depressionen und Migräne führen könnte.

Was bedeutet dies für die Therapie?

Bei einer Mehrfacherkrankung sollte der Schwerpunkt der Therapie immer auf der ursprünglichen Erkrankung liegen und diese mit Blick auf die sekundäre Erkrankung multimodal behandeln. Medikamente sollten hierbei immer nur Teil der ganzheitlichen Therapie sein, denn die Medikation allein löst weder das eigentliche Problem, noch verändert es die Ursache. 

Weitere Bestandteile einer holistischen Schmerztherapie können unter anderem Psycho- und Physiotherapie, sport- und bewegungstherapeutische Maßnahmen, sowie Eigeninitiative hinsichtlich von Ernährung, Schlafrhythmus, Entspannungstechniken und Atemübungen sein.

Wie könnte eine geeignete Medikation aussehen?

Die medikamentöse Therapie bei einer solchen Zweifacherkrankung sollte unter allen Umständen streng ärztlich kontrolliert und begleitet werden, um mögliche Risiken und Wechselwirkungen zu vermeiden.

Triptane sind gängige Akutmedikamente bei Migräne. Ihr Wirkstoff ist eng mit Serotonin verwandt und verengt, ähnlich wie das Serotonin, die Blutgefäße. Man geht nämlich davon aus, dass die Kopfschmerzen von erweiterten Blutgefäßen herrühren. 

Begleitend können dual wirksame Antidepressiva verordnet werden, die nachweislich sowohl bei Depressionen, als auch prophylaktisch bei speziellen chronischen Schmerzerkrankungen wie Migräne helfen können, indem sie den Serotonin- und den Noradrenalin-Haushalt regulieren und beide Botenstoffe wieder ins Gleichgewicht bringen.

Wirksam sind hier vor allem Substanzen, die sowohl adrenerge, noradrenerge, als auch serotonerge Wirkung zeigen und die natürliche Schmerzhemmung wiederaufbauen. Als bevorzugte Medikamente in der Migräneprophylaxe sind hier die trizyklischen Antidepressiva (TZA) zu nennen, welche die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin in die Nervenzellen des Gehirns hemmen. In Abhängigkeit von der individuellen Patientensituation kann man hier zwischen dem Amitriptylin-, Imipramin- und Desipramin-Typ von trizyklischen Antidepressiva wählen.

Vermeiden sollte man dagegen Betarezeptoren-Blocker und Flunarizin, wenn beim Patienten eine Migräneerkrankung und Depression vorliegt. Des Weiteren sollte die Einnahme von Triptanen und Antidepressiva besonders gut und sorgfältig ärztlich betreut und überwacht werden, denn Triptane – darunter das Sumatriptan, Almotriptan, oder Zolmitriptan – sind Serotonin-Agonisten, also Substanzen, die die Serotoninrezeptoren aktivieren. Dagegen sorgen – häufig als Antidepressivum eingesetzte – Serotonin-(Noradrenalin)-Wiederaufnahmehemmer (SSRI oder SNRI) dafür, dass der Serotonintransport blockiert wird und sich die Konzentration von Serotonin und/oder Noradrenalin in der Gewebeflüssigkeit des Gehirns erhöht.

Professor Gunther Haag von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) sieht hier die Gefahr eines Serotonin-Syndroms, ein komplexes und schwer diagnostizierbares Krankheitsbild, welches durch die Anhäufung von Serotonin hervorgerufen werden kann und sich in Symptomen wie Unruhe, Übelkeit/Erbrechen, Puls- und Blutdruckanstieg, bis hin zu Krämpfen, Anfällen und Halluzinationen zeigt. Dieses Risiko scheint sehr gering zu sein, und ist abhängig von der Höhe der Dosierung, sowie dem jeweiligen Medikament. Jedoch rät die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA von der Ko-Medikation, also der Gabe von Serotonin-Agonisten und selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern ab.

Wie eine individuelle Therapie aussehen kann, muss man also sehr gewissenhaft mit seinem behandelnden Arzt absprechen. Bei Depressionen sollte sowieso immer auch ein Psychotherapeut hinzugezogen werden.