Migräneprophylaxe mit Medikamenten – ein Überblick

Welche Prophylaxe-Medikamente gibt es eigentlich bei Migräne und warum kann es manchmal sinnvoll sein, welche zu nehmen?

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Miriam Jansen

Miriam musste wegen chronischer Migräne ihren Beruf aufgeben - und wurde in dieser Zeit zur Migräne-Expertin. Die Migräne hat ihr zu einem radikalen Lebenswandel verholfen: Sie lebt nun als digitale Nomadin in ihrem Bus und arbeitet als Texterin & im Sommer als Schäferin auf einer Alp.

„Eigentlich können wir fast allen Patient:innen mit chronischer Migräne helfen – das Problem ist nur, dass die bereits vorhandenen Prophylaxe-Medikamente nicht hinreichend genutzt werden und viele der chronischen Migräne-Patient:innen nicht an ein entsprechendes Schmerzzentrum angeschlossen sind.“

Das erklärte Dr. David Dodick, einer der weltweit führenden Migräne-Expert:innen, während eines Interviews bei der World Migraine Summit 20191. Das lässt natürlich viele Migräne-Betroffene hoffen…

Bei der Behandlung von Migräne unterscheidet man zwischen der Behandlung des akuten Migräneanfalls (z.B. durch Schmerzmedikamente, Triptane oder Kältetherapie) und der vorbeugenden Behandlung von Migräneattacken. In diesem Artikel soll es um Prophylaxe-Medikamente gehen, die vorbeugend eingenommen werden. Ich leide selbst seit Jahren unter chronischer Migräne und habe schon so einige Prophylaxe-Medikamente ausprobiert. Deshalb kann ich neben gründlich recherchierten Informationen auch von meinen eigenen Erlebnissen berichten.

Trotz der vielen Behandlungsmöglichkeiten muss ich Dr. Dodick Recht geben: gut informierte Ärzt:innen oder Anschluss an ein entsprechend ausgebildetes und spezialisiertes Schmerzzentrum zu bekommen, ist für Migräne- und Kopfschmerzbetroffene extrem schwer.

Ich war beispielsweise lange Zeit Patientin in der hervorragenden Kopfschmerzambulanz des Universitätskrankenhauses Eppendorf (UKE) in Hamburg. Wegen eines nicht zu bändigenden Migräneanfalls musste ich einmal einen Termin absagen und habe seitdem keinen Zugang mehr zu Terminen bekommen. Zu viele Patient:innen – zu wenige Ärzt:innen- und somit eine unfassbar lange Warteliste. 

Da fundiertes Fachwissen über seine Erkrankung so extrem wichtig ist, um Attacken gezielt vorzubeugen und zu behandeln, bieten wir in in dem Wissensteil unserer App auf Rezept sinCephalea-Migräneprophylaxe und in unserem Migräne-Magazin verständlich aufbereitetes Fachwissen an. Alles, was man rund um Ursachen, Auslöser, Verlauf und Therapiemöglichkeiten von Kopfschmerzerkrankungen wissen muss, ist dort beschrieben.

»Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!«

An dieser Stelle möchte ich noch einmal betonen, wie wichtig es ist, jede medikamentöse Therapieform mit den behandelnden Ärzt:innen abzustimmen. Dabei gut informiert zu sein und mit dem Arzt oder der Ärztin in den Dialog zu treten, ist sinnvoll und hat mir persönlich geholfen, die Kontrolle über meine Behandlung zurück zu bekommen. Am besten verstehst du diesen Artikel als Inspiration für mögliche Therapien, die du vielleicht noch nicht ausprobiert hast, und über die du mit deinem Arzt oder deiner Ärztin sprechen kannst.

Wenn du dich nach der ärztlichen Aufklärung noch nicht ausreichend informiert fühlst, frag doch nochmal gezielt nach oder such dir andere Kopfschmerzspezialist:innen. Auf der Website der DMKG gibt es eine Liste mit Expert:innen in deiner Nähe.

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Wieso und wann überhaupt Migräneprophylaxe?

In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN)2 wird eine medikamentöse Prophylaxe der Migräne in folgenden Fällen empfohlen:

  • bei einer Attackenfrequenz von mehr als drei Attacken pro Monat
  • bei Einnahme von Schmerzmitteln an mehr als 10 Tagen pro Monat
  • bei Migräneanfällen, die regelmäßig länger als 72 Stunden andauern
  • manchmal auch bei weniger Attacken, wenn diese mit der Akutmedikation nicht ausreichend behandelt werden können
  • bei nicht tolerablen Nebenwirkungen der Akuttherapie
  • bei langanhaltenden Auren mit starken neurologischen Ausfallerscheinungen
  • nach einem migränösen Hirninfarkt wenn andere Ursachen für den Infarkt ausgeschlossen werden können
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Wie lange sollte man die Prophylaxe-Medikamente einnehmen?

Mir wurde gesagt, die jeweiligen Medikamente sollten mindestens drei Monate in ausreichender Dosierung genommen werden, um ihre Wirksamkeit ausreichend beurteilen zu können. Die Dosis der Medikamente wird normalerweise nach der Faustregel “Start low and go slow” vorsichtig und langsam erhöht, um Nebenwirkungen zu minimieren.

Eine ausreichende Dosierung ist daher eventuell nicht von Anfang an gewährleistet und das Medikament muss daher evtl. wesentlich länger als drei Monate genommen werden. Viele Migräne-Betroffene wissen nicht, dass man so lange warten muss, bis die Wirksamkeit verlässlich beurteilt werden kann und brechen die Behandlung vorzeitig ab.

Daher: Besprich das Thema mit deinen Ärzt:innen und hab Geduld!

Eine häufige Frage, die sich hierbei stellt ist: Müssen die Medikamente auch mindestens drei Monate eingenommen werden, wenn es zu unerwünschten Nebenwirkungen kommt, bevor man absetzen oder das Präparat wechseln darf? Natürlich heißt es da: Bei schweren Nebenwirkungen immer mit dem behandelnden Neurologen sprechen und sofort pausieren! Ein Medikament mit starken Nebenwirkungen stur weiter zu nehmen, ist bestimmt nicht Sinn der Übung.

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Wann wird Migräneprophylaxe als erfolgreich angesehen?

Das langfristige Ziel einer wirksamen Vorbeugung ist es, die Häufigkeit der Anfälle sowie die Schwere und die Länge der Attacken zu reduzieren. Ist die Attackenfrequenz (Häufigkeit der Anfälle) um mindestens 50% verringert, wird die medikamentöse Vorbeugung normalerweise als erfolgreich angesehen und fortgeführt.

Führt die Prophylaxe dazu, dass die Intensität der Anfälle nachlässt und einzelne Attacken besser mit der normalen Akutmedikation behandelt werden können, ist ebenfalls ein Erfolg erzielt. So wirkt eine erfolgreiche Prophylaxe natürlich auch der Gefahr des Medikamenten-Übergebrauchs-Kopfschmerzes entgegen. Denn lässt die Attackenfrequenz oder/und die Intensität der Anfälle nach, müssen die Migräne-Betroffenen nicht mehr so häufig Akutmedikation wie Schmerzmittel zu sich nehmen und können die 10/20-Regel somit leichter befolgen.

Eine gute medikamentöse Prophylaxe ist nur erfolgreich, wenn die Nebenwirkungen erträglich sind.

Selbst wenn ein Medikament effektiv deine Attackenfrequenz verringert, können Nebenwirkungen, die du nicht tolerieren willst oder kannst, wie z.B. eine extreme Gewichtsab- oder -zunahme das Absetzen oder den Wechsel des Präparates rechtfertigen. 

Bei der Beurteilung der Wirksamkeit und der Beobachtung möglicher Nebenwirkungen hilft natürlich auch das Führen eines Kopfschmerztagebuchs.

Migräneprophylaxe ohne Risiken & Nebenwirkungen

Wusstest du schon, dass dein Zuckerstoffwechsel und insbesondere starke Blutzuckerschwankungen eine Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken spielen können16-19? Und dass eine Ernährung, die den Blutzucker eher niedrig und stabil hält, erfolgreich Migräneanfällen vorbeugen kann20-22?

Daher bieten wir dir mit unser App auf Rezept sinCephalea-Migräneprophylaxe die Gelegenheit die Reaktion deines Blutzuckers auf gewisse Mahlzeiten und Lebensmittel zu testen. Im Anschluß an die Testphase erhältst du individuell auf dich zugeschnittene Ernährungsempfehlungen inklusive einer Liste mit deinen Top- und Flop-Mahlzeiten, damit du deine Ernährung mit nur kleinen Anpassungen Migräne-freundlich ausrichten kannst. Du kannst dir die digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) sinCephalea ganz einfach von Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen verschreiben lassen.

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Migräneprophylaxe-Medikamente im Überblick

Als Prophylaxe-Medikamente werden einige Medikamente verwendet, die wir aus der Behandlung anderer Krankheiten kennen, wie z.B. Antiepileptika (zur Behandlung von Epilepsie), Beta-Blocker (bei Bluthochdruck), Kalziumkanal-Blocker (bei Schwindel) und Antidepressiva (bei Depressionen und Angststörungen).

Erst seit letztem Jahr gibt es eine Therapie mit monoklonalen Antikörpern, die speziell für die Behandlung von Migräne entwickelt worden ist. In den nächsten Jahren sollen weitere folgen. Migräne-Betroffene dürfen also optimistisch bleiben.

Unterschiedliche Migräneprophylaxen können jedoch nicht einfach hintereinander weg ausprobiert werden, sondern müssen immer als zusätzlicher therapeutischer Baustein gesehen werden, der in einer ärztlich begleiteten und strategisch ausgearbeiteten Behandlung Anwendung finden soll.

Migräneprophylaxe-Medikamente der ersten Wahl

Als Prophylaxemittel der ersten Wahl gelten Betablocker, Antidepressiva, Botox und Kalziumkanal-Antagonisten, als Prophylaxemittel zweiter Wahl z.B. Magnesium, Vitamin B2, Acetylsalicylsäure (als Aspirin® bekannt) und auch weniger bekannte Mittel wie Mutterkraut und Pestwurz.

Auch die monoklonalen Antikörper, die neuerdings gegen Migräne eingesetzt werden, sehen wir uns genauer an: Die Antikörper Erenumab (Aimovig®), Galcanezumab (Emgality®) und Fremanezumab (Ajovy®) sind erst seit kurzem in der EU erhältlich, haben sich aber jetzt schon als vielversprechend erwiesen.

Die Wirksamkeit der sogenannten Medikamente der ersten Wahl wurde in mehreren wissenschaftlichen Studien nachgewiesen. Laut einer Studie von Evers et al.3 sprechen auf diese Medikamente bis zu 70 % aller Betroffenen an.

Betarezeptoren-Blocker wie Metoprolol, Propranolol oder Bisoprolol

Betablocker werden äußerst erfolgreich in der Vorbeugung von Migräne eingesetzt. Besonders die Wirkung von Propranolol und Metoprolol sind in besonders vielen Studien untersucht worden. Propranolol konnte beispielsweise in einer Studie eine Reduzierung der Migräneaktivität von 44% nachgewiesen werden.Metoprolol hat eine ähnlich gute Wirksamkeit auf die Migräne-Aktivität.5

Auch für andere Betablocker wie Bisoprolol liegen positive Studien vor. Sie sind jedoch älter oder wurden weniger intensiv untersucht und daher ist deren prophylaktische Wirkung weniger gut gesichert (siehe Leitfaden). Meine Erfahrungen mit Metoprolol als Prophylaxe und mit chronischer Migräne generell, kannst du übrigens bei Interesse hier nachlesen.

Kalziumkanal-Antagonisten wie Flunarizin

Flunarizin ist ein Kalziumkanal-Blocker, der zur Behandlung von Schwindel eingesetzt wird. Es ist der einzige Kalzium-Kanal-Blocker, der laut Leitfaden eine signifikante Wirkung in der Migräneprophylaxe zeigen konnte. Flunarizin ist besonders für Migräne-Patienten mit Schwindel, Schlafstörungen oder Untergewicht geeignet und weniger für Patienten mit Depressionen und Übergewicht.

Antiepileptika wie Valproinsäure und Topiramat

Antiepileptika/Antikonvulsiva enthalten krampflösende Wirkstoffe und werden eigentlich zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt, sind jedoch nachgewiesenermaßen laut Leitfaden auch in der Migränetherapie wirksam.

Aufgrund des Nebenwirkungsprofils und der Wirkweise eignen sich Antiepileptika eher für Migräne-Patienten, die zusätzlich unter Übergewicht, Epilepsie oder Manie leiden. Valproinsäure kann Fehlbildungen des Kindes während der Schwangerschaft begünstigen und sollte somit nicht von Frauen in der Schwangerschaft oder mit Kinderwunsch verwendet werden.

Botulinumtoxin Typ A (Botox)

Botox ist vielen aus Berichten über Promis bekannt: Es handelt sich um ein Nervengift, welches vor allen Dingen zur Verringerung von Falten verwendet wird. Botox kann auch einen positiven Einfluss auf Migräne haben, jedoch scheint die Wirkung nach einigen Monaten nachzulassen.

Um einen anhaltenden und zunehmenden Effekt zu erzielen, werden die Injektionen deshalb meistens alle drei Monate wiederholt. Wenn nach der dritten Injektion keine Besserung eingetreten ist, wird die Behandlung normalerweise als erfolglos eingestuft und beendet.

Ungefähr 50% der Patient:innen können jedoch von einer Verbesserung durch die Therapie berichten, so dass keine weiteren Injektionen mehr notwendig sind.6

Trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin, Opipramol und Venlaflaxin

Das am besten wirksame Antidepressivum bei Migräne ist laut dem Leitfaden des DGN Amitriptylin. Aber auch die Wirksamkeit von Opipramol und Venlaflaxin wurden in dort erwähnten Studien belegt. Antidepressiva sind oft besonders geeignet für Migräne-Betroffene, die zusätzlich unter Stress, Depressionen, Schlaflosigkeit, Untergewicht oder anderen Schmerzerkrankungen wie Spannungskopfschmerzen oder Rückenschmerzen leiden.

Migräneprophylaxe-Mittel der zweiten Wahl: Magnesium, Vitamin B2 & Co

Mittel der zweiten Wahl werden in der Migräneprophylaxe nur eingesetzt, wenn die Mittel der ersten Wahl nicht wirksam gewesen sind oder wenn gegen diese Kontra-Indikationen vorliegen. Sie sind “zweite Wahl”, weil zu diesen Substanzen nur wenige randomisierte kontrollierte Studien durchgeführt wurden, und ihre Wirksamkeit nicht ausreichend belegbar ist.

Acetylsalicylsäure

Acetylsalicylsäure (u.a. der Wirkstoff von Aspirin®) hat laut Leitfaden in niedriger Dosierung eine geringe Migräne-prophylaktische Wirkung. Es wird wegen seiner blutverdünnenden Eigenschaft häufig bei Schlaganfall- oder Herzinfarkt-Patienten mit Migräne eingesetzt.7

Magnesium

Besonders bei leichten Formen von Migräne kann die tägliche Einnahme von Magnesium prophylaktisch Abhilfe schaffen – so wurde es zumindest laut Leitfaden in einer positiv kontrollierten Studie nachgewiesen. Dennoch konstatiert das DGN, dass die Reduktion der Attackenfrequenz nicht sonderlich ausgeprägt sei.

Meiner Erfahrung nach scheint es aber zu helfen! Zumindest merke ich immer eine Zunahme meiner Migräneattacken und deren Intensivität wenn ich die Einnahme pausiere.

Es gibt verschiedene Formen von Magnesium und als ich mich damals informiert habe, wurde mir das Magnesiumcitrat empfohlen.

Es soll gut vom Körper aufgenommen werden und verträglich sein. Seitdem nehme ich ein Magnesiumcitrat in Pulverform, weil mir das in Wasser aufzulösende Pulver zusätzlich dabei hilft, die empfohlene hohe Trinkmenge pro Tag einzuhalten (eine sinnvolle, nicht-medikamentöse Prophylaxe).

Der Körper gibt zu viel Magnesium übrigens schnell wieder von sich, mittels Durchfall. So kann man also gut erkennen, ob man zu viel Magnesium zu sich genommen hat.

Riboflavin (Vitamin B2)

Aktuell gibt es zwei Studien8/9, die eine gute Wirksamkeit von Vitamin B2 zur Vorbeugung von Migräneattacken vermuten lassen. Es hat ein günstiges Nebenwirkungsprofil und kann daher auch zusätzlich zur Prophylaxe mit Beta-Blockern oder auch in Kombination mit anderen Mikronährstoffen wie Coenzym Q10 und Magnesium genommen werden10.

Nicht erschrecken: Vitamin B2 kann eine Gelbfärbung des Urins bewirken!

Coenzym Q10

Auch das Coenzym Q10 kann laut Leitfaden wirksam in der Prophylaxe von Migräne sein. Ganz besonders in Kombination mit Magnesium und Vitamin B2 sowie mit Omega-3-Fettsäuren kann die Schwere, jedoch nicht die Anzahl der Migräneattacken reduziert werden.

Pestwurzextrakt (Petadolex®)

In besonders zwei Studien11/12 konnten Migräneanfälle mit Pestwurz-Extrakt deutlich und signifikant im Vergleich zum Placebo reduziert werden. Aufgrund des Vorkommens von Hepatitis-Verdachtsfällen und Leberfunktionsstörungen wird bei einer langfristigen Gabe von mehr als vier Wochen eine Blut-Kontrolle der Leberenzyme empfohlen.

Interessant: Bei Einnahme der Wirkstoffe Ibuprofen, Diclofenac und Paracetamol wurden wesentlich häufiger schwerwiegende Hepatitis-Fälle nachgewiesen.13

Mutterkraut (Tanacetum parthenium)

Mutterkraut wurde schon in der Antike zur Linderung von Geburtsschmerzen eingesetzt, daher wohl auch der Name. Es steht im Verdacht Migräneanfällen vorzubeugen; wissenschaftlich nachgewiesen ist der Effekt jedoch noch nicht.14

Laut Leitlinie war Mutterkraut jedoch als CO2-Extrakt in zwei Studien wirksam, ist aber in dieser Form in Deutschland leider nicht erhältlich. Aufgrund der fehlenden Wirksamkeitsnachweise der anderen Formen von Mutterkraut empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie die Verwendung aktuell nicht.

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ACE-Hemmer und Sartane (beides Blutdrucksenker)

Lisinopril und Telmisartan sind laut dem Leitfaden in kleinen placebo-kontrollierten Studien untersucht worden und zeigten eine signifikante Reduktion der Attackenfrequenz bei Migräne; jedoch fehlen große Studien. Candesartan zeigte eine ähnlich gute Wirkung wie Propranolol.

Neuere Entwicklungen: die CGRP-Antikörper

Seit kurzem in der EU zugelassen sind noch drei weitere, speziell für die Migräne entwickelte Medikamente: die monoklonalen Antikörper – oder auch die “Migräne Spritze”, wie die Medien gerne titeln. Zu den monoklonalen Antikörpern gehören aktuell Erenumab (Aimovig®), Galcanezumab (Emgality®) und Fremanezumab (Ajovy®).

Es ist schon länger bekannt, dass bei der Entstehung von Migräne der Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene Related Peptide) eine wichtige Rolle spielt, denn er wirkt gefäßerweiternd. Erenumab hemmt den CGRP-Rezeptor im Gehirn, die anderen richten sich direkt gegen das CGRP.

Ein Novum: Die CGRP-Antikörper-Therapie soll bereits innerhalb der ersten Tage wirken – und nicht wie bei anderen Prophylaxen erst nach Monaten. Sie werden monatlich bis dreimonatlich unter die Haut gespritzt. Der Nutzen dieser neuen Medikamente erweist sich am höchsten, wenn andere Prophylaxen erfolglos waren.15

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Wie findet man das passende Prophylaxe-Medikament?

Welches Medikament für wen geeignet ist, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Wichtig dabei ist die ganzheitliche Betrachtung der Betroffenen samt all ihren Zusatzerkrankungen (Komorbiditäten). Deswegen würde ich auch immer empfehlen, Kopfschmerzspezialist:innen zur Rate zu ziehen und sich nicht nur auf Hausärzt:innen zu verlassen, sofern das möglich ist.

Hast du beispielsweise neben der Migräne auch eine diagnostizierte Depression oder bist untergewichtig, könnten vielleicht Antidepressiva die Mittel der Wahl sein. Leidest du zusätzlich unter Bluthochdruck, eignen sich eventuell Beta-Blocker besser. Weil diese jedoch die Bronchien verengen können, würde man sie Migräniker:innen, die zusätzlich unter Asthma leiden, vermutlich eher nicht verschreiben.

Betroffene, die fast immer unter starken Nebenwirkungen von Medikamenten leiden, könnten z.B. Pestwurz probieren. Und Schwangere sowie Frauen mit Kinderwunsch dürfen viele Medikamente ohnehin nicht nehmen. Zusätzlich zu all diesen Faktoren – von denen ich ja nur ein paar als Beispiel genannt habe – sind darüber hinaus auch noch die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu beachten.

Du siehst also, wie komplex das Ganze ist – und wie wichtig es daher ist, Spezialist:innen an deiner Seite zu haben.

Am besten legst du bei einem Arztbesuch sowohl alle bisher eingenommenen als auch alle der Prophylaxe dienlichen Medikamente sowie bereits gestellte Diagnosen vor.

Zudem solltest du unbedingt auch nicht-medikamentöse Prophylaxen in den Behandlungsplan integrieren. Die sind nämlich frei von schädlichen Nebenwirkungen – und haben meistens sogar positive – wie z.B. eine gesundere Ernährung oder generelle Entspannung.

Ich drücke dir die Daumen, dass du bereits eine geeignete Prophylaxe gefunden hast und noch finden wirst – oder am besten: gar keine brauchst!

Quellen

  1. Dodick, David. “Controlling unresponsive chronic migraine.” In migraineworldsummit.com, 2002, Date of Access: 15.01.2020.
  2. Diener, Hans-Christoph et al. 2018. “Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne.” In: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien, 2018. Date of Access: 15.01.2020.
  3. Evers, et al. 2008. “Akuttherapie und Prophylaxe der Migräne.” Leitlinie der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Nervenheilkunde, Vol. 2, 933-949.
  4. Holroyd KA et al 1991. “Propranolol in the management of recurrent migraine: a meta-analytic review.” In: Headache, 31, 5, 333-40.
  5. Linde K, et al 2014. “Propranolol for migraine prophylaxis.” In: Cochrane Database Syst Rev, 2.
  6. Cernuda-Morollon E, et al 2015. “Long-term experience with onabotulinumtoxinA in the treatment of chronic migraine: What happens after one year?” In: Cephalalgia, 35, 10, 864-868.
  7. Eberius, Karl. “Warum hilft ASS eigentlich gegen Kopfschmerzen und gleichzeitig gegen Verklumpungen des Blutes?” In: Herzstiftung.de, Date of Access: 15.01.2020.
  8. Maizels M, et al 2004. “A combination of riboflavin, magnesium, and feverfew for migraine prophylaxis: a randomized trial.” In: Headache 44, 9, 885 – 890.
  9. Sandor PS, et al, 2000. “Prophylactic treatment of migraine with beta-blockers and riboflavin: differential effects on the intensity dependence of auditory evoked cortical potentials.” In: Headache 40, 30 – 35.
  10. Gröber, Uwe. “Vitamin B2 zur Prophylaxe von Migräneattacken.” In: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de, 2009. Date of Access: 15.01.2020.
  11. Diener HC, et al, 2004. “The first placebo-controlled trial of a special butterbur root extract for the prevention of migraine: reanalysis of efficacy criteria.” In: Eur Neurol, 51, 2, 89-97.
  12. Lipton RB, et al, 2014. “Petasites hybridus root (butterbur) is an effective preventive treatment for migraine.” In: Neurology, 63, 12, 2240-2244.
  13. Nutzen-Risiko-Bewertung: Migräneprophylaxe mit Pestwurz-Extrakt.” In: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de, 2005. Date of Access: 15.01.2020.
  14. Melzer, Martina. “Heilpflanzen-Lexikon: Mutterkraut.” In: apotheken-umschau.de, 2016. Date of Access: 15.01.2020.
  15. Meißner, Thomas. “Vier neue Antikörper gegen Migräne in Sicht.” In: https://www.aerztezeitung.de, 2017. Date of Access: 15.01.2020.
  16. Bernecker C. et al. (2011): Oxidative stress is associated with migraine and migraine-related metabolic risk in females. In: European Journal of Neurology, 18(10), S.1233-9.
  17. Gruber, H.-J. et al. (2010): Hyperinsulinaemia in Migraineurs Is Associated with Nitric Oxide Stress. In: Cephalalgia30 (5), S. 593–98. https://doi.org/10.1111/j.1468-2982.2009.02012.x.
  18. Siva, Z.O. et al. (2018): Determinants of Glucose Metabolism and the Role of NPY in the Progression of Insulin Resistance in Chronic Migraine. In: Cephalalgia38 (11), S. 1773–81. https://doi.org/10.1177/0333102417748928.
  19. Yilmaz, N. et al. (2011): Impaired Oxidative Balance and Association of Blood Glucose, Insulin and HOMA-IR Index in Migraine. In: Biochem. Med., 21, S. 145–151.
  20. Bongiovanni, D. et al. (2021): Effectiveness of Ketogenic Diet in Treatment of Patients with Refractory Chronic Migraine. In: Neurol Sci, doi:10.1007/s10072-021-05078-5.
  21. Evcili, G. et al. (2018): Early and long period follow-up results of low glycemic index diet for migraine prophylaxis. In: Agri.30(1), S. 8-11. doi: 10.5505/agri.2017.62443.
  22. Razeghi, J. S. et al. (2019): Association of diet and headache. In: Journal of Headache and Pain, 20(1), S. 106. doi:10.1186/s10194-019-1057-1.