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Schlaf-Wach-Rhythmus und Migräne

Mona Kattwinkel
Mona Kattwinkel

Mona ist Studentin, Bloggerin und nicht zuletzt Migräne-Expertin. Sie leidet an Migräne seit dem sie 8 Jahre alt ist und engagiert sich als Mitglied einer Selbsthilfegruppe für Migräne innerhalb der MigräneLiga e.V. Deutschland.

Schlaf ist Migräne-Auslöser und Erlösung zugleich. Ein Paradoxon? Keineswegs!

Der Nobelpreis für Medizin und Physiologie ging vor Kurzem an die drei US-Forscher Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young für ihre Entdeckung molekularer Kontrollmechanismen zur Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Die drei Forscher untersuchten dabei die innere Uhr von Fruchtfliegen und stellten fest, dass Gene im Erbgut für die Steuerung verantwortlich sind.

,,It's a great day for the fruit fly.'' - Michael Rosbash über seinen Nobelpreis 2017



Doch warum ist das so spannend?

Es ist bekannt, dass es gravierende körperliche Folgen haben kann, wenn die innere Uhr aus dem Takt gerät. Wird der natürliche Schlaf-Wach-Rhythmus durch Schichtarbeit, Flugreisen oder zu frühen Schulbeginn immer wieder gestört, können Übergewicht, Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Probleme oder auch neurologische Krankheiten wie Migräne oder Kopfschmerzen die Folge sein.

Was Migräne betrifft, gibt es dazu eine Hypothese, nach der Kopfschmerz-Attacken ein Mechanismus des Körpers sind, um den Schlaf-Wach-Rhythmus zu regulieren. Die Hypothese besagt, dass die Migräne die Betroffenen bei Übermüdung zwingt, sich auszuruhen und ins Dunkle zurückzuziehen. Körperliche Aktivität würde die Schmerzintensität steigern. Bei zu viel Schlaf wird der gegenteilige Effekt angenommen: Dann weckt sie die Betroffenen auf. Denn Migräne kann sowohl von Zuwenig, als auch von zu viel Schlaf ausgelöst werden.

Zusammengefasst: Bei zu wenig Schlaf kommt die Attacke eher Nachmittags, reißt dich so aus deiner Aktivität und zwingt dich früh zur Ruhe. Bei zu viel Schlaf kommt die Attacke am frühen Morgen und reißt dich aus dem Schlaf.

Was passiert in der Nacht, wenn man mit Kopfschmerzen aufwacht?

Viele haben vorausgehende äußere Auslöser im Verdacht, wenn Kopfschmerzen beginnen. Doch wie bahnt sich eine Attacke an, wenn sie im Schlaf beginnt? Vor allem Migräneattacken beginnen gehäuft im Schlaf, sowie am frühen Morgen - dann erst wieder zahlreicher am Nachmittag. Ein Zusammenhang mit dem Schlaf-Wach-Rhythmus wird deshalb intensiv diskutiert.

Untersuchungen haben gezeigt, dass bei der Anbahnung einer Migräneattacke das autonome Nervensystem eine entscheidende Rolle spielt. Es wird als »autonom« bezeichnet, weil es sich der willkürlichen Kontrolle weitgehend entzieht. Dieser Teil des Nervensystems ist aber nicht wirklich autonom, sondern reagiert nur automatisch. Und gegen diesen Automatismus kann man etwas tun.

In vielen Fällen reagiert das autonome Nervensystem nicht einmal auf äußere Reize, sondern folgt einfach inneren Uhren. Davon gibt es eine Vielzahl. Innere Uhren sind zyklische biochemische Prozesse an denen Genen und Proteinen beteiligt sind, die dann wiederum zyklisch höhere physiologische Prozesse steuern. Es gibt aber auch eine Rückwirkung der physiologischen auf die biochemische Prozesse, so dass das ganze System schnell komplexes Verhalten ermöglicht.

Innere Uhren regeln Schlaf-Wach-Rhythmus, Körpertemperatur, Blutdruck, den Rhythmus des Herzschlags und vieles weitere mehr. Die Herzfrequenz wurde zu einem wichtigen Signal, um Veränderungen in unserem Körper auf die Spur zu kommen, da sie sich recht problemlos mit dem Elektrokardiogramm (EKG) präzise messen lässt – auch im Schlaf.

Ist das autonome Nervensystem bei Migränikern beeinträchtigt?

Es ist eine bekannte Tatsache, dass bei körperlicher Belastung die Herzfrequenz steigt und bei Entspannung wieder sinkt. Zwei Mechanismen sind verantwortlich: der Sympathikus und der Parasympathikus. Im Ruhezustand sorgt der Parasympathikus für eine energiesparende Schlagfrequenz. Dies geschieht über seinen wichtigsten Nerv, den Vagusnerv. Ohne seinen Einfluss würde das Herz schneller schlagen. Es schlägt auch höher, wenn der Sympathikus Alarm schlägt. Dann werden Energiereserven abgebaut.

Weniger bekannt ist die Tatsache, dass selbst im Ruhezustand kleine aber entscheidende Variationen auftreten. Die Atmung beeinflusst den Herzschlag. Bei Einatmung erhöht sich die Herzfrequenz, bei Ausatmung sinkt sie wieder. Dieses Wechselspiel verrät viel über den Zustand unseres körperlich-mentalen Gleichgewicht. Bei Emotionen, wie Gelassenheit und Freude, sind Herz und Atmung in Balance, bei Stress verschwindet diese atemsynchrone Schwankung. Die Herzfrequenzvariabilität ist deswegen ein charakteristisches Maß für allerlei Krankheiten. Mithilfe eines Langzeit-EKG kann man über lange Zeiträume Beobachtungen machen. Problemlos auch durch die Nacht hindurch.

Eine neue Studie hat die Variabilität des Herzschlages bei 27 Migräne-Patienten im Alter von 26,7±2,12 Jahren analysiert [1].

Ziel der Studie war es, die autonomen Funktionen bei Patienten mit und ohne Migräne zu untersuchen. Heraus kam, dass bei Betroffenen in der Nacht die energieerhaltende parasympathische Aktivität reduziert ist und es zu einem überwiegendem Sympathikotonus kommt. Energiereserven werden stärker als nötig abgebaut. Am stärksten betroffen waren Migräne-Patienten mit Aura.

Diese Verschiebung des Gleichgewichts im autonomen Nervensystem zugunsten des Sympathikus ist eine Alarmreaktion des Körpers, normalerweise ausgelöst durch äußeren Stress. Allerdings ist dieser Befund nicht in der Nacht vor einer Attacke gefunden worden. Der Bezug zur Nacht ist sehr interessant, denn wie gesagt, Migräne-Attacken beginnen oft im Schlaf.

Dies zeigen nicht nur Studien, sondern auch eine Menge Tweets von Migränikern am Morgen.


Migräne und schlafbezogene Atmungsstörung

Migräne kann in der Nacht beginnen, gleichzeitig aber hilft Schlaf bei einer Migräne-Attacke. Das ist kein Widerspruch.

Es ist bekannt, dass Veränderungen im Nervensystem auch in der anfallsfreien Zeit bestehen. Einige Tage vor einer Migräne-Attacke verstärken sie sich noch mal, was schließlich auch zu wahrnehmbaren Vorbotensymptomen führt. Überraschenderweise normalisieren sich die Gehirnfunktionen jedoch schon oft Stunden vor dem Anfall wieder. Und zwar auf ein Niveau von Nicht-Erkrankten. Die Ruhe vor dem Sturm. Mit anderen Worten, das Migränehirn verhält sich – mal abgesehen vom Schmerz – nur im Anfall und bis zum Ende der Rückbildungsphase normal. Ob also im Anfall ein Sympathikotonus vorliegt oder nicht, ist noch ungeklärt.

Bei drei von vier Betroffenen löst zu viel, zu wenig oder schlechter Schlaf eine Migräne-Attacke aus. Besonders gehäuft treten die Attacken im Schlaf oder am frühen Morgen auf. Migräneforscher haben nachgewiesen, dass Stress auch in der Nacht bei Betroffenen ein Ungleichgewicht im autonomen Nervensystem zur Folge hat. Der leistungssteigernde Sympathikus ist dann deutlich aktiver.

Literatur

[1] Matei, D., Constantinescu, V., Corciova, C., Ignat, B., Matei, R., & Popescu, C. D. (2015). Autonomic impairment in patients with migraineEur Rev Med Pharmacol Sci19(20), 3922-3927.