Migräne & Depression

Wie bedingen sich Migräne und Depressionen gegenseitig? Was war zuerst da? Eine Frage, die man bei Mehrfacherkrankungen häufig stellen muss.

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Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem

Dr. Markus Dahlem war Mit-Gründer und CEO von Newsenselab, dem Startup hinter M-sense. Er forscht seit mehr als 25 Jahren über die Entstehung der Migräne. Als Physiker interessiert ihn grundsätzlich, ob mathematische Berechnungen etwas zum Grundverständnis von Erkrankungen beitragen können.

Der Zusammenhang von chronischen Schmerzerkrankungen wie Migräne & Depression wird von Forscher:innen und Ärzt:innen bereits jahrelang untersucht und diskutiert. Dabei stellen sich eine Menge teilweise auch noch ungeklärter Fragen:

Sind Depressionen eine natürliche Folge der Migräne oder die Migräne eine Folge der Depression? Haben die beiden Erkrankungen gleiche Ursachen und Auslöser? Welche Erkrankung war zuerst da und wie behandelt man so eine Mehrfacherkrankung am besten und effektivsten?

Migräne & Depression: Zahlen und Fakten

In Deutschland leben circa 12 – 15 Millionen chronisch Schmerzkranke, von denen 30 – 50%, also circa 4,5 bis 6,5 Millionen Menschen, im Laufe ihres Lebens depressive Verstimmungen oder eine Depression entwickeln. Zwei bis drei Millionen Menschen sind aufgrund ihrer chronischen Schmerzen und ihrer Depression sogar komplett arbeitsunfähig. Wenn der Leidensdruck der Patient:innen sehr hoch ist und sich keine Therapie finden lässt, die ihnen auf Dauer wirklich hilft und Besserung verschafft, erscheinen depressive Verstimmungen aus Hilf- und Hoffnungslosigkeit als eine logische Folgeerscheinung von Migräne.

In 80% der Fälle haben die Betroffenen zuerst chronische Schmerzen und entwickeln dann eine Depression, doch auch von den 4 bis 4,5 Millionen an Depression erkrankten Menschen in Deutschland entwickeln zwei von drei im Verlauf ihrer Krankheit chronische Schmerzen.

In einer Studie der Woman’s Health in den USA verglichen Wissenschaftler:innen aktuelle und vergangene Migräne-Episoden mit depressiven Erkrankungen von über 36.000 Frauen, von denen 6.400 von Migräne betroffen waren bzw. sind. Innerhalb von 14 Jahren entwickelten 4.000 Frauen zusätzlich zu ihrer neurologischen Erkrankung eine Depression. Forschende der Universität in Toronto fanden heraus, dass die Gruppe der unter 30-jährigen Migräne-Patient:innen besonders häufig betroffen war. Diese hatten 6 mal häufiger Depressionen als Migräniker:innen, die 65 Jahre oder älter waren.

Wie hängen Migräne & Depression zusammen?

Was beiden Erkrankungen zu Grunde liegt, ist eine gemeinsame genetische Komponente und ein gestörter Serotoninhaushalt. Serotonin, auch Wohlfühl- und Glückshormon genannt, ist ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle in der zentralen Schmerzverarbeitung, Schmerzinduktion und auch in der Neurobiochemie der Depression spielt.

Sowohl bei chronischen Schmerzen, als auch bei Depressionen besteht ein Ungleichgewicht von Serotonin und Noradrenalin, welche normalerweise auf Ebene des Rückenmarkes die Schmerzweiterleitung ins Gehirn hemmen. Liegt jedoch ein Ungleichgewicht oder Mangel der beiden Botenstoffe vor, geht die natürliche Schmerzhemmung verloren und jeder Reiz wird ungefiltert an das Gehirn weitergeleitet. Dies sorgt z.B. dafür, dass depressive Menschen bereits kleinste Signale als Schmerzen wahrnehmen.

Es erscheint also als durchaus plausibel, dass eine Subgruppe von Depression und eine Subgruppe von Migräne ein gemeinsames Cluster ergeben kann, dessen Erforschung eines Tages zu besseren Strategien und Behandlungsmöglichkeiten für das gemeinsame Auftreten von Migräne & Depression führen könnte.

Migräne & Depression: Ganzheitliche Therapie

Bei einer Mehrfacherkrankung sollte der Schwerpunkt der Therapie immer auf der ursprünglichen Erkrankung liegen und diese mit Blick auf die sekundäre Erkrankung multimodal behandelt werden. Medikamente sollten hierbei immer nur Teil der ganzheitlichen Therapie sein, denn Medikation allein löst weder das eigentliche Problem, noch verändert es die Ursache.

Weitere Bestandteile einer ganzheitlichen Schmerztherapie können unter anderem Psycho- und Physiotherapie, sport- und bewegungstherapeutische Maßnahmen, wie Ausdauersport und Yoga, Entspannungstechniken und Atemübungen, aber auch Eigeninitiative hinsichtlich Ernährung und Schlafrhythmus sein. Und das hilft nicht nur, die Häufigkeit und Stärke von Migräne-Attacken zu reduzieren, sondern sorgt auch für eine bessere Stimmung und einen ausgeglicheneren Alltag.

Ernährung als wirksame Migräne- und Depressionsprophylaxe

Es gibt einige Studien die den Einfluss von Ernährung auf Migräne und auch auf Depressionen zeigen konnten.

Es wurde beispielsweise nachgewiesen, dass starke Blutzuckerschwankungen Migräneanfälle fördern können  (Siva et al. 2018, Yilmaz et al. 2011, Bernecker et al. 2011, Gruber et al. 2010) und dass eine blutzuckerstabilisierende Ernährung eine wirksame Migräneprophylaxe sein kann (Bongiovanni et al. 2021, Evcili et al. 2018, Razeghi et al. 2019).

Die negativen Auswirkungen eines übermäßigen Zuckerkonsums auf die langfristige psychische Gesundheit wurde in einer anderen großen Studie nachgewiesen. Die Forscher:innen legen daher nahe, dass ein geringerer Zuckerkonsum mit einer besseren psychischen Gesundheit verbunden sein könnte (Knüppel et al. 2017). Ob diese Ergebnisse auch auf migräneassoziierte Depressionen übertragbar sind, ist nicht geklärt.



Wenn du lernen möchtest, wie du dich blutzuckerstabilisierend ernähren kannst, hol dir die digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) sinCephalea-Migräneprophylaxe. Die Migräne-App möchte dich dabei unterstützen herauszufinden, welche Lebensmittel und Mahlzeiten deinen Blutzucker eher niedrig-stabil halten, so dass du mit einer entsprechenden Anpassung deiner Ernährung Migräneanfällen vorbeugen kannst. Du kannst dir die App auf Rezept sinCephalea von behandelnden Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen sowie über die Videosprechstunde der Teleclinic ganz normal wie ein Medikament verschreiben lassen.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie bei einer solchen Zweifacherkrankung sollte unter allen Umständen streng ärztlich kontrolliert und begleitet werden, um mögliche Risiken und Wechselwirkungen zu vermeiden. Die App auf Rezept sinCephalea-Migräneprophylaxe hilft dabei, den Überblick über eingenommene Medikamente zu behalten. Grade bei der medikamentösen Behandlung von komorbiden Krankheiten ist dieses Feedback für behandelnde Ärzt:innen sehr wertvoll, denn es vereinfacht die optimale Zusammenstellung der Medikamente.

Triptane sind gängige Akutmedikamente bei Migräne (mit oder ohne Aura). Ihr Wirkstoff ist eng mit Serotonin verwandt und verengt, ähnlich wie das Serotonin, die Blutgefäße. Man geht nämlich davon aus, dass die Kopfschmerzen von erweiterten Blutgefäßen ausgelöst werden. 

Das Serotonin-Syndrom

Die Einnahme von Triptanen und Antidepressiva sollte besonders sorgfältig ärztlich betreut und überwacht werden, denn Triptane (wie z.B. das Sumatriptan, Almotriptan, oder Zolmitriptan) sind Serotonin-Agonisten, also Substanzen, die die Serotoninrezeptoren aktivieren. Dagegen sorgen – häufig als Antidepressivum eingesetzte – Serotonin-(Noradrenalin)-Wiederaufnahmehemmer (SSRI oder SNRI) dafür, dass der Serotonintransport blockiert wird und sich die Konzentration von Serotonin und/oder Noradrenalin in der Gewebeflüssigkeit des Gehirns erhöht.

Professor Gunther Haag von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) sieht hier die Gefahr eines Serotonin-Syndroms, ein komplexes und schwer diagnostizierbares Krankheitsbild, welches durch die Anhäufung von Serotonin hervorgerufen werden kann und sich in Symptomen wie Unruhe, Übelkeit/Erbrechen, Puls- und Blutdruckanstieg, bis hin zu Krämpfen, Anfällen und Halluzinationen zeigt. Das Risiko an dem Syndrom zu erkranken scheint jedoch sehr gering zu sein, und ist abhängig von der Höhe der Dosierung sowie dem jeweiligen Medikament.

Begleitend können dual wirksame Antidepressiva verordnet werden, die nachweislich sowohl bei Depressionen, als auch prophylaktisch bei speziellen chronischen Schmerzerkrankungen wie Migräne helfen können, indem sie den Serotonin- und den Noradrenalin-Haushalt regulieren und beide Botenstoffe wieder ins Gleichgewicht bringen.

Wirksam sind hier vor allem Substanzen, die sowohl adrenerge, noradrenerge, als auch serotonerge Wirkung zeigen und die natürliche Schmerzhemmung wiederaufbauen. Als bevorzugte Medikamente in der Migräneprophylaxe sind hier die trizyklischen Antidepressiva (TZA) zu nennen, welche die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin in die Nervenzellen des Gehirns hemmen. In Abhängigkeit von der individuellen Patient:innensituation kann man hier zwischen dem Amitriptylin-, Imipramin- und Desipramin-Typ von trizyklischen Antidepressiva wählen.

Vermeiden sollte man dagegen Betarezeptoren-Blocker und Flunarizin, wenn bei Patient:innen eine Migräneerkrankung und Depression vorliegt.

Wie eine individuelle Therapie aussehen kann, muss man also sehr gewissenhaft mit seinen behandelnden Ärzt:innen absprechen. Bei der Kombination Migräne & Depression sollten auch Psychotherapeut:innen hinzugezogen werden.

Quellen

Bernecker C. et al. (2011): Oxidative stress is associated with migraine and migraine-related metabolic risk in females. In: European Journal of Neurology, 18(10), S.1233-9.

Bongiovanni, D. et al. (2021): Effectiveness of Ketogenic Diet in Treatment of Patients with Refractory Chronic Migraine. In: Neurol Sci, doi:10.1007/s10072-021-05078-5.

Evcili, G. et al. (2018): Early and long period follow-up results of low glycemic index diet for migraine prophylaxis. In: Agri.30(1), S. 8-11. doi: 10.5505/agri.2017.62443.

Gruber, H.-J. et al. (2010): Hyperinsulinaemia in Migraineurs Is Associated with Nitric Oxide Stress. In: Cephalalgia30 (5), S. 593–98. https://doi.org/10.1111/j.1468-2982.2009.02012.x.

Knüppel A, Shipley MJ, Llewellyn CH, Brunner EJ. (2017): Sugar intake from sweet food and beverages, common mental disorder and depression: prospective findings from the Whitehall II study. In: Sci Rep., 27;7(1), S. 6287. doi: 10.1038/s41598-017-05649-7. PMID: 28751637; PMCID: PMC5532289.

Razeghi, J. S. et al. (2019): Association of diet and headache. In: Journal of Headache and Pain, 20(1), S. 106. doi:10.1186/s10194-019-1057-1.

Siva, Z.O. et al. (2018): Determinants of Glucose Metabolism and the Role of NPY in the Progression of Insulin Resistance in Chronic Migraine. In: Cephalalgia 38 (11), S. 1773–81. https://doi.org/10.1177/0333102417748928.

Yilmaz, N. et al. (2011): Impaired Oxidative Balance and Association of Blood Glucose, Insulin and HOMA-IR Index in Migraine. In: Biochem. Med., 21, S. 145–151.