Kaffee gegen Kopfschmerzen

Kaffee werden positive Effekte gegen Migräne nachgesagt. Doch für manche Betroffenen zählt Koffein zu ihren Auslösern.

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Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem

Dr. Markus Dahlem war Mit-Gründer und CEO von Newsenselab, dem Startup hinter M-sense. Er forscht seit mehr als 25 Jahren über die Entstehung der Migräne. Als Physiker interessiert ihn grundsätzlich, ob mathematische Berechnungen etwas zum Grundverständnis von Erkrankungen beitragen können.

Kaffee vertreibt die Müdigkeit, steigert die Konzentration und verbessert sogar – wie neuere Untersuchungen zeigen – das Langzeitgedächtnis. Denn nehmen wir Koffein zu uns, schlägt das Herz kräftiger und schneller, Darm und Stoffwechsel werden angeregt, die Bronchien werden erweitert und die Blutgefäße im Gehirn verengen sich. Letzteres trägt dazu bei, dass Kaffee gegen Kopfschmerzen wirkt.

Die Nebenwirkungen von zu viel Kaffee kennt man: Der doppelte Espresso nach dem Abendessen lässt uns oft schlecht einschlafen, Nervosität und auch mal Kopfschmerzen können die Folge sein. Doch auch zu wenig Koffein kann Folgen haben. Wer schlagartig auf die gewohnte Dosis Koffein verzichtet, spürt manchmal kurz Entzugserscheinungen wie Übelkeit, Stimmungsschwankungen, Müdigkeit oder eben auch einer Migräne-Attacke.

Kaffee gegen Kopfschmerzen: Positive und negative Auswirkungen

Gerade Migräne-Betroffene kennen das. Treten Migräne-Attacken am Wochenende auf – und das tun sie überdurchschnittlich häufig – stellen sich nämlich interessante Fragen:

  • Wie verändert sich eigentlich in dieser Zeit der Koffein-Konsum?
  • Fallen die drei Tassen bei der Arbeit weg und der Kopfschmerz entsteht aufgrund des Entzugs?
  • Oder ist es der sogenannte “Let-Down Effect”, der Rückgang des Stress-Levels, der die Migräne verursachte?
  • Oder eine Kombination aus beidem?

Oft stellen Betroffene aber auch falsche Zusammenhänge her, sogenannte Bestätigungsfehler, indem sie z.B. den täglichen Kaffee als schützenden Faktor interpretieren und dann den Entzug als Auslöser immer so ermitteln, dass sich ihre eigene, längst gefällte Erwartung erfüllt. 

Wird der Kaffee mal reduziert, ohne dass es zu Kopfschmerzen kommt, wird das meistens übersehen. Wird aber der Kaffee reduziert und eine Migräne setzt rein zufällig ein, stellt man sofort einen vermeintlichen Zusammenhang her. Das heißt, anfangs gibt es diesen Zusammenhang gar nicht. Doch mit der Zeit wird der Zusammenhang quasi erlernt.

Kaffee-Entzug oder andere Auslöser können wie die Glocke bei Pawlows Hunden wirken – ein Phänomen, das unter den Placebo-Effekt fällt und lange anhält: Die Tasse Kaffee (oder deren Fehlen) wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung im Sinne einer klassischen Konditionierung. Experten zählen die eigene Erwartungshaltung zu den wichtigsten Migräne Auslösern. Diese Konditionierung funktioniert noch besser mit einem sogenannten “novel-tasting drink” (originell schmeckenden Getränk) – z.B. aromatisierte Kaffees.

Es ist gar nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, objektiv zu testen, ob man echte Migräne-Attacken auch als indirekte Entzugserscheinung interpretieren kann. Das gilt übrigens auch für andere potentielle Einflussfaktoren. Dabei hilft es, ein Kopfschmerztagebuch zu führen. Denn wenn man jeden Tag einträgt, wieviel Kaffee man z.B. getrunken hat, und wann eine Kopfschmerz-Attacke aufgetreten ist, lässt sich der Zusammenhang hinterher objektiv herstellen.

Gesichert scheint nur, dass ein konstanter Kaffee-Konsum zu bevorzugen ist. Wer in der Woche seine zwei bis drei Tassen über den Tag verteilt zu sich nimmt, sollte auch am Wochenende nicht auf die tägliche Dosis verzichten.

Migräne Auslöser Zucker?

Das gleiche trifft übrigens auch auf Zucker als Auslöser für Migräneattacken zu. Insbesondere starke Blutzuckerschwankungen stehen nämlich im Verdacht Migräne Auslöser sein1-4. Mit unserer Migräne-App sinCephalea-Migräneprophylaxe möchten wir dich unterstützen herauszufinden, wie du deinen Blutzucker eher niedrig-stabil hältst um so Migräneattacken vorzubeugen5-7. Mit der Einführung einer niedrig-glykämischen Ernährung kann die digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) sinCephalea dich dabei unterstützen, zukünftige Attacken zu vermeiden, und Häufigkeit und Stärke zu reduzieren8!

Wissenswertes zum Koffeingehalt

Der Koffeingehalt variiert bei Kaffee je nach Zubereitung und Kaffeesorte. Eine Tasse gebrühter Bohnenkaffee enthält ca. 80 mg Koffein, ein Espresso etwas weniger, vielleicht 50 oder 60 mg Koffein. Ein stark zubereiteter Tee kann dieselbe Menge Koffein wie Espresso oder auch Kaffee enthalten. Bei anderen Getränken sind oft gar keine Informationen über die Menge zu finden. Der Koffeingehalt muss leider erst ab einer Konzentration von 15 mg pro 100 ml ausgewiesen werden. Koffein ist unter anderem auch in Cola, Mate, Guaraná und Energy-Drinks.

Auch einige Schmerzmittel setzen auf die Wirkung des Koffeins. So wird Wirkstoffen wie Acetylsalicysäure (ASS) oder Paracetamol Koffein beigegeben, und damit deren Wirksamkeit erhöht. Du kannst übrigens in unserer App auf Rezept sinCephalea-Migräneprophylaxe deine eingenommenen Medikamente eintragen, um zu sehen, was gut und was nicht so gut wirkt.

Kaffee gegen Kopfschmerzen: Die Wirkweise von Koffein

Die Antwort auf die Frage nach der Wirkung von Koffein findet man tief im Synapsenspalt – dort treffen Nervenzellen zusammen und kommunizieren über Botenstoffe.

Koffein besetzt hier die Rezeptoren, die normalerweise den Botenstoff Adenosin aufnehmen, dessen Funktion es eigentlich ist, zu verhindern, dass sich unser Gehirn überanstrengt. Sind die Adenosin-Rezeptoren blockiert, kommt es darüber hinaus zur Freisetzung von herrlich anregenden Stoffen wie Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin.

Und es kommt noch besser: Adenosin wirkt normalerweise auch an den Nervenendungen auf jene Rezeptoren ein, die für eine höhere Schmerzempfindlichkeit sorgen. Werden diese jedoch von Koffein besetzt, hat das eine positive, weil schmerzlindernde Wirkung.

Wie beeinflusst Koffein Migräne?

Bei Migräne kann sich Koffein grundsätzlich positiv auswirken. Es gibt sogar Medikamente, die eine Kombination aus Koffein und Schmerzmitteln enthalten. Das Gehirn gewöhnt sich allerdings schon innerhalb von zwei Wochen an erhöhte Dosen des beliebten Wachmachers. Koffein wirkt deswegen umso schwächer, je mehr du davon zu dir nimmst. Wenn Migräne-Attacken oder Spannungskopfschmerz am Wochenende auftreten, solltest du überlegen, ob sich dein Kaffee-Konsum am Wochenende ändert und die Attacken auch eine Art Entzugserscheinung sein könnten. Noch ein Tipp: Wer gerne viel Kaffee, Espresso oder Tee trinkt, kann diesen einfach etwas schwächer zubereiten und so weiterhin ungehindert genießen.

Quellen

  1. Bernecker C. et al. (2011): Oxidative stress is associated with migraine and migraine-related metabolic risk in females. In: European Journal of Neurology, 18(10), S.1233-9.
  2. Gruber, H.-J. et al. (2010): Hyperinsulinaemia in Migraineurs Is Associated with Nitric Oxide Stress. In: Cephalalgia30 (5), S. 593–98. https://doi.org/10.1111/j.1468-2982.2009.02012.x.
  3. Siva, Z.O. et al. (2018): Determinants of Glucose Metabolism and the Role of NPY in the Progression of Insulin Resistance in Chronic Migraine. In: Cephalalgia38 (11), S. 1773–81. https://doi.org/10.1177/0333102417748928.
  4. Yilmaz, N. et al. (2011): Impaired Oxidative Balance and Association of Blood Glucose, Insulin and HOMA-IR Index in Migraine. In: Biochem. Med., 21, S. 145–151.
  5. Bongiovanni, D. et al. (2021): Effectiveness of Ketogenic Diet in Treatment of Patients with Refractory Chronic Migraine. In: Neurol Sci, doi:10.1007/s10072-021-05078-5.
  6. Evcili, G. et al. (2018): Early and long period follow-up results of low glycemic index diet for migraine prophylaxis. In: Agri.30(1), S. 8-11. doi: 10.5505/agri.2017.62443.
  7. Razeghi, J. S. et al. (2019): Association of diet and headache. In: Journal of Headache and Pain, 20(1), S. 106. doi:10.1186/s10194-019-1057-1.
  8. Lelleck, V.V. et al. (2022): A digital therapeutic allowing a personalized low-glycemic nutrition for the prophylaxis of migraine: real world data from two prospective studies. In: Nutrients 14, S. 2927.