Kopfschmerzen, Hunger & Schokolade

Saure Gurken essen macht Frauen nicht schwanger. Und Schokolade verursacht keine Migräne – aber Heißhunger kann ein Vorbote sein. Wie hängen Auslöser und Vorboten zusammen?

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Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem

Dr. Markus Dahlem war Mit-Gründer und CEO von Newsenselab, dem Startup hinter M-sense. Er forscht seit mehr als 25 Jahren über die Entstehung der Migräne. Als Physiker interessiert ihn grundsätzlich, ob mathematische Berechnungen etwas zum Grundverständnis von Erkrankungen beitragen können.

Vermeintliche Auslöser

Hormonell bedingte Heißhungeranfälle in der Schwangerschaft sind weithin bekannt – das beliebteste Beispiel ist das plötzliche Verlangen nach sauren Gurken. Nicht so bekannt sind Heißhungerattacken bei Migräne-Betroffenen. Solche plötzlichen Gelüste treten oft als Vorboten einer Migräne-Attacke auf, meistens viele Stunden bevor der Schmerz einsetzt. Man hat dann z.B. wahnsinnig Lust auf Schokolade, isst eine ganze Tafel und bekommt kurz darauf eine Migräne-Attacke.

Die Schokolade ist in diesem Fall wie die sauren Gurken ein Symptom und nicht der Auslöser der Attacke, denn der Kopfschmerz ist längst in seiner „pränatalen“ Entwicklung.

Schokolade, Licht, Sport sind mögliche Vorboten einer Migräne

In der Vorbotenphase, die einer Migräne-Attacke bis zu 48 Stunden vorausgehen kann, sind die Betroffenen oft auch besonders lichtempfindlich, selbst normale Lichtverhältnisse können als äußert grell empfunden werden. Dieses subjektiv grelle Licht ist dann, wie die Lust auf Schokolade, nicht Trigger, sondern Symptom.

Einige Betroffene fühlen sich vor Migräne-Attacken besonders leistungsfähig, powern sich beim Sport aus und wenig später setzen dann die Kopfschmerzen ein. Auch die hohe körperliche Aktivität ist in einem solchen Fall nur Symptom, nicht Auslöser.

Diese Liste ließe sich sehr lange fortsetzen, denn es gibt eine Vielzahl von Migräne-Vorboten. Es betrifft hormonelle, emotionale, ernährungs- und andere physiologische Veränderungen. Schokolade, Licht und Sport gehören zu den Klassikern, die nachweislich mit Auslösern verwechselt werden.

Tyramin ist schuld, wenn Schokolade Migräne auslöst

Um das Thema zu verkomplizieren, kann es allerdings auch sein, dass Schokolade wirklich der Auslöser für Migräne ist. In diesem Fall ist dann das biogene Amin Tyramin schuld. Es entsteht beim Reifungs- oder Fermentierungsprozess von Lebensmitteln – oft ist es in Rotwein, gereiftem Käse oder gepökelten Würsten vorhanden.

Im Falle der Schokolade stammt das Tyramin aus dem Kakao. Deshalb vertragen viele Betroffene nicht so stark kakaohaltige Schokoladen, wie z.B. Vollmilchschokolade, besser als dunkle Schokolade, wie Zartbitter- oder Herrenschokolade. Noch besser wird meistens weiße Schokolade vertragen, da hier der Kakaomasse das Kakaopulver entzogen wird.

Bevor man allerdings auf (dunkle) Schokolade komplett verzichtet, sollte man erstmal testen, ob es wirklich am Tyramin liegt. Das kann durch dem Verzehr von anderen tyraminhaltigen Lebensmitteln geschehen. Eine Liste von stark tyraminhaltigen Lebensmitteln gibt es z.B. in der Deutschen Apothekerzeitung.

Gibt es denn überhaupt Auslöser bei Migräne?

Was eine Migräne wirklich auslösen kann, ist individuell ganz verschieden. Generell gelten Unregelmäßigkeiten wie ein Wechsel in Anspannung & Entspannung, Änderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus, Wetterwechsel, Hormonschwankungen und stark schwankende Blutzuckerspiegel als gängige Auslöser.

Wenn du den Einfluß von starken Blutzuckerschwankungen auf deine Migräne untersuchen möchtest, hol dir die App auf Rezept sinCephalea-Migräneprophylaxe. Die digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) möchte mit dir zusammen herausfinden welche Lebensmittel deinen Blutzucker eher niedrig-stabil halten, damit du diese in der Ernährung bevorzugen und so Migräneanfällen vorbeugen kannst.

Interessant: Auslöser werden wahrscheinlich nur in der Vorbotenphase wirksam und sind außerhalb dieser Phase ungefährlich. Wie das geschieht, erklärt die sogenannte Kipppunkttheorie.

Die Kipppunktheorie

Nahe an einem Kipppunkt, also kurz bevor das Gehirn von der schmerzfreien Zeit herüber in die Kopfschmerzphase der Migräne „kippt“, treten im ganzen Körper große Schwankungen auf. Diese Schwankungen betreffen physiologische, hormonelle und emotionale Veränderungen und äußern sich für Betroffenen durch verschiedene Vorboten.

In dieser Phase ist man für Auslöser sehr empfindlich. Die Überempfindlichkeit auf Reize und Reizüberflutung bilden einen sich selbst verstärkenden Prozess mit Henne-Ei-Problematik. Es wäre in etwa so, als wenn man zunächst nur ein bisschen Migräne-schwanger ist und durch das Essen von sauren Gurken noch schwangerer würde.