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Migräne ist unheilbar? Drei Gründe für Optimismus

Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem
Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem

Dr. Markus Dahlem forscht seit mehr als 25 Jahren über die Entstehung der Migräne. Als Physiker interessiert ihn grundsätzlich, ob mathematische Berechnungen etwas zum Grundverständnis von Erkrankungen beitragen können. 



"Neue Behandlung – frage nach Beweisen; ‘heilen' dann weise die Tür." Wer Heilung von Migräne verspricht, dem sollen wir die Tür weisen, schreibt der anerkannte Kopfschmerzexperte Peter Goadsby. Müssen wir da nicht unsere Hoffnung verlieren? Nein. Seine Aussage birgt gleich drei Gründe für Optimismus.

1. Migräne ist nicht heilbar – aber sie kann ausheilen

Hören wir einen feinen Unterschied heraus: Peter Goadsby betont nicht, wie viele vor ihm, dass Migräne unheilbar sei. Er sagt, dass es unseriös sei, das Gegenteil zu behaupten. Das hat seinen Grund: Die Ursachen einer Migräneerkrankung sind nicht fassbar – und damit unbekannt. Und ohne Ursachen kann es keine ursächliche Therapie geben. Nur in diesem Sinn ist Migräne nicht »heilbar«. Denn bei diesem Adjektiv mit Endung auf -bar schwingt der Begriff einer ärztlichen Behandlung mit. Eine solche müsste gezielt die Ursachen beseitigen, um als Heilung zu gelten. Eine »nicht heilbare« Krankheit kann allerdings spezifisch behandelt werden und auch »ausheilen«. 

Wir alle kennen das: Auch Erkältungen sind nicht heilbar. Ein bekanntes Sprichwort sagt, eine Erkältung dauert mit Arzt eine Woche – und ohne Arzt sieben Tage. So oder so, Erkältungen gehen vorüber, sie heilen von alleine aus. Auf dem Weg dahin kann man das Immunsystem stärken und Symptome lindern. Das ist der erste Grund für Optimismus, denn auch eine Migräne kann ausheilen – und auf dem Weg dahin, kann man viele sinnvolle Maßnahmen einleiten.

Leider enden die Gemeinsamkeiten beim Vergleich mit Erkältungen schnell. Es gibt z.B. keine Garantie, dass Migräne ausheilt, und wenn, dauert es nicht selten Jahrzehnte. Viele erkranken in ihrer Jugend und erst nach der Lebensmitte klingen die Symptome teilweise oder auch vollständig ab.

2. Günstigere Prognose bei Kopfschmerzen mit unbekannten Ursachen

Optimismus ist außerdem gerechtfertigt, weil die Ursachen bei Migräne unbekannt sind. Zumindest haben wir in der Regel eine günstigere Prognose als bei Kopfschmerzen mit bekannten Ursachen!

Man fragt sich jetzt vielleicht: Wie kann das sein, dass die Prognose günstiger ist, wenn die Ursachen unbekannt sind? Das medizinische Fachvokabular hat dafür ein Wort: »idiopathisch«. Die Migräne ist eine idiopathische Erkrankung. Das setzt sich zusammen aus dem griechischen »idios« (selbst) und »pathos« (Leiden). Mit diesem Fachbegriff ist immer auch eine unbekannte Ursache gemeint.

Wenn wir die optimistische Botschaft hinter »idiopathisch« verstehen wollen, brauchen wir den Gegensatz: Wenn etwas Fassbares vorläge, z.B. ein Tumor, eine Gelenkblockade, eine Infektion, eine Autoimmunerkrankung, eine Stoffwechselstörung, oder eine andere Gehirnverletzung, dann wäre der resultierende Kopfschmerz keine Migräne. Solche Kopfschmerzen wären die sekundäre Folge einer anderen Krankheit.

Das Gute daran ist, die idiopathische Migräne hat im Vergleich zu symptomatischen Kopfschmerzen mit bekannten Ursachen eine günstigere Prognose vollständig auszuheilen.

Auch ohne fassbare Ursachen ist Migräne eine organische Erkrankung. Nur sind an der Entstehung auch psychische und soziale Aspekte in komplexer Weise beteiligt. Wir können daher ihre Entstehungsgeschichte nicht einheitlich fassen. Zu groß ist die Zahl ihrer möglichen Umstände.

Wer trotzdem weiter nach einer Ursache sucht, ähnelt dem betrunkenen Mann aus Paul Watzlawicks Buch »Anleitung zum Unglücklichsein«. Ein Polizist will diesem Herren bei der Suche nach seinem Hausschlüssel helfen und fragt, ob er sich denn sicher sei, den Schlüssel unter der Laterne verloren zu haben. Der Betrunkene antwortet: »Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster.«

3. Neue Behandlungsformen

Es gibt einen dritten Grund für Optimismus, denn wir haben heutzutage völlig neue Behandlungsformen. Es wird nicht mehr nach der Ursache gesucht, sondern nach dem Entstehungsmechanismus der einzelnen Migräne-Attacken. Zwar spielen auch hier psychische und soziale Aspekte sowie verschiedene Umweltfaktoren mit hinein, doch wir können messen, wie das Migränegehirn in einem Wechselspiel physiologischer Reaktionen außer Kontrolle gerät. Genau wie wir meteorologische Messdaten erheben und Unwetter vorhersagen können, werden wir bald Gehirngewitter vorhersagen können. Davon bin ich überzeugt. Diese Forschung bietet Hinweise auf eine spezifische Behandlung. Auch Schlagzeilen wie »Strom gegen Migräne«, »Impfung gegen Migräne« oder »Der Migräne-Kampf per Smartphone«, zeugen von dieser neuen Forschung, die Therapieformen entwickeln, die nicht auf eine Krankheitsursache angewiesen sind.

Migräneerkrankte werden natürlich ständig mit solchen Schlagzeilen konfrontiert. Welche sind seriös und welche nicht? Und woran erkennen wir das? Wir müssen nach Beweisen fragen, rät der eingangs zitierte Kopfschmerzexperte Peter Goadsby. Denn immer noch werden Migräneerkrankte nicht nur stigmatisiert, sondern auch durch gut gemeinte Ratschläge ihrer Mitmenschen ungeheuerlich genervt. Sie sollten doch mal dieses »hochwirksame Getränk aus Zitrone und Himalaya-Salz gegen Migräne« probieren oder sich piercen lassen. Wenn Patienten damit in eine Praxis kommen, ist es auch für die Ärzte nicht immer einfach, diesen Wünschen nicht zu entsprechen – oder zumindest mit anderen, eigentlich nicht angebrachten Behandlungen, diese falschen Hoffnungen kompensieren zu wollen.

Nur wer die wesentlichen Vorgänge bei einer Migräneattacke in seinem Körper und Gehirn versteht, erlangt genug Orientierung und Kompetenz im Umgang mit der Migräne, um nur das Sinnvolle dagegen, aber dies noch besser zu tun. Dazu wollen wir mit diesem Blog und unserer App gegen Migräne und Spannungskopfschmerzen M-sense beitragen.