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Ich sehe was, was du nicht siehst – Über die Migräne-Aura und ihre Entstehung

Migräne-Aura / Bild: Dana & Charles Loomis

Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem
Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem

Dr. Markus Dahlem forscht seit mehr als 25 Jahren über die Entstehung der Migräne. Als Physiker interessiert ihn grundsätzlich, ob mathematische Berechnungen etwas zum Grundverständnis von Erkrankungen beitragen können. 

Strahlenkränze, Zickzack-Formen, Piepen, Stimmenhören oder Wortfindungstörungen - viele Migräne-Betroffene erleben kurz vor den Kopfschmerzattacken neurologische Erscheinungen verschiedenster Art, die sogenannte Aura. Aber was steckt dahinter?

Der Begriff „Aura“ ist dabei ganz treffend: Beispielsweise nehmen manche Betroffene eine Art Strahlenkranz um Mitmenschen oder Gegenstände herum wahr, ganz ohne dass ein reales Lichtphänomen vorliegt. Häufiger noch berichten sie von Zickzack-Formen, die langsam durch das Gesichtsfeld schreiten, dabei flickern und sich wie eine Girlande verdrehen.

Symptome wie taube Haut oder Geschmacksstörungen

Etwa jeder dritte Migräne-Erkrankte berichtet von einer Aura-Phase zu Beginn der Attacken. Wer sie erlebt, für den ist es ein einschneidendes Erlebnis. Nicht nur Sehstörungen, sondern auch andere störende Erlebnisse fallen unter den Sammelbegriff Migräne-Aura. Es hat sich bewährt, die Störungen in Reiz- und Ausfallerscheinungen zu unterteilen. Wer etwas sieht, das nicht real im Gesichtsfeld existiert, erlebt eine neurologische Reizerscheinung. Betroffene können aber auch ein Kribbeln den Arm entlang spüren, ohne dass dort etwas wäre. Bei einer Ausfallerscheinung verhält es sich umgekehrt: Im Gesichtsfeld taucht etwa ein blinder Fleck auf, bei Berührung des Armes fühlt sich die Haut taub an. Auch das Essen kann anders schmecken oder geschmacklos werden. Des Weiteren können akustische Halluzinationen in Form von Klingeln, Piepen, Zirpen, Rauschen und Stimmenhören auftreten, außerdem sind Sprech- oder Wortfindungs-Störungen sowie Verständnisprobleme möglich.

Viele wissen nicht, dass man die Auraphase auch ohne anschließende Kopfschmerzen erleben kann. Doch dies ist bei etwa fünf Prozent der Migränepatienten der Fall. „Migräne sind Kopfschmerzen, auch wenn man keine hat“, lässt Erich Kästner, der selber unter Migräne litt, Luise Pogge erklären. Luise, Pünktchen genannt und die Kinderbuchheldin aus „Pünktchen und Anton“, hat eine Mutter, die an Migräne leidet. Mit diesem Satz will sie ihrem Freund Anton deutlich machen, was das ist. Die Doppeldeutigkeit ihrer Aussage spielt dabei geschickt mit dem gesellschaftlichen Vorurteil, Migräne sei eine eingebildete Krankheit.

Die seltsamen Gestalten bei „Alice im Wunderland“

Zu den wohl seltsamsten Erscheinungen, von denen wir bis heute nicht genau wissen, ob sie wirklich als Migräne-Aura gelten können, gehören Phänomene, die der Mathematiker Charles Lutwidge Dodgson beschrieb, besser bekannt unter seinem Pseudonym Lewis Carroll. Carroll schilderte in seinen Kinderbüchern „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ wahrscheinlich seine eigenen Erfahrungen. Kinder und Jugendliche beschreiben während einer Migräne-Attacke etwa eine gestörte Wahrnehmung von Gegenständen in der Umgebung oder ihrer eigenen Körperteile. Manchmal erleben sie auch die gesamte Umgebung beziehungsweise ihren gesamten Körper gestört. Sie können Dinge verzerrt wahrnehmen („Metamorphopsie“), kleiner („Mikropsie“) oder größer („Makropsie“), als sie tatsächlich sind. Solche Symptome könnten die Inspiration für Lewis Carrolls bekannte Figuren gewesen sein. 

Berühmt ist seine Beschreibung der Cheshire-Katze, von der nur das Lächeln sichtbar bleibt – eine besondere Form der visuellen Nachbilder, die im Rahmen einer Migräne-Aura auftreten kann. 

Ähnlichkeit zum Schlaganfall

Mit diesem Vorurteil sollte nun endlich Schluss sein. Die wissenschaftliche Forschung hat in den letzten 20 Jahren die organische Ursache der Migräne-Aura mit Bildgebung und mathematischen Analysen aufgeklärt und herausgefunden, wie die sich anschließenden Kopfschmerzen entstehen – die eben manchmal auch ausbleiben. Es ließ sich klären, was die verschiedenen erlebten Auren vereint und, wichtiger noch, was sie abgrenzt von anderen vorübergehenden neurologischen Störungen, zum Beispiel von den durchaus ähnlichen Vorläufern eines Schlaganfalls oder einer Epilepsie.

Entscheidend bei Migräne mit Aura ist, dass die Symptome langsam anfangen und sich erst allmählich steigern. Es dauert meist über fünf Minuten, bis die Aura voll ausgeprägt erscheint. Kurz darauf klingt sie auch schon wieder ab. Noch bis 2013 durfte laut den Richtlinien die Auraphase nur eine Stunde anhalten. In der neuesten Klassifikation hat man jedoch das Zeitfenster aufgrund der Forschungsergebnisse erweitert. Denn es wurde klar, dass verschiedene Aurasymptome oft hintereinander auftreten. Für jede Störung der bekannten fünf Sinne - also Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen - sowie für Störungen motorischer und kognitiver Leistungen, dürfen die Aurasymptome nun jeweils maximal 60 Minuten andauern, um noch als typisch zu gelten. Die verschiedenen Modalitäten auseinanderzuhalten und somit die erlaubte Gesamtdauer abzuschätzen, ist nicht immer leicht. Manche Forscher gehen mittlerweile davon aus, dass viel mehr Betroffene eine Auraphase haben, die subtilen Symptome allerdings unbemerkt bleiben.

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Künstlerische Darstellung einer Migräne-Aura

Eine Welle, die während der Migräne durchs Gehirn wandert

Es ist erstaunlich, dass ein einziger biologischer Prozess diese enorme Vielfalt und die Abfolge der Symptome einer Migräne-Aura hervorrufen kann. Wie man heute weiß, handelt es sich dabei um fokale Störungen im Gehirn. „Fokal“ bedeutet, dass etwas auf eine Ansammlung von Gehirnzellen begrenzt ist, auf einen Fokus oder Herd. Vom Schlaganfall und Epilepsie war bekannt, dass sich eine fokale Störung von dem Herd womöglich auf andere Bereiche ausweiten kann. Bei der Migräne mit Aura geschieht dies jedoch auf ganz neue Weise: Die fokale Störung wird nicht etwa breiter, wie ein frischer Tintenfleck auf Löschpapier, sondern sie wandert, ohne wesentlich ihre Form und Größe zu ändern. Sie verlässt also den Ort, an dem sie aufkeimte, und schlängelt sich durch die Gehirnwindungen wie ein Tsunami. Da jede Region im Gehirn eine andere Funktion aufweist, können sich die Symptome mit der Wanderung dieser „Welle“ verändern – es kann etwa zuerst der visuelle Bereich betroffen sein, dann derjenige, der für Sprache zuständig ist.

Computersimulationen konnten meine Kollegen und ich zeigen, dass die Welle nicht in eine zufällige Richtung wandert, sondern sich entlang der Faltungen der Hirnrinde ausbreitet. Vermutlich entwickeln die Betroffenen jeweils individuelle Muster und deswegen gleichen sich ihre Auren meist. Eine weitere Theorie geht davon aus, dass bremsende Prozesse im Gehirn dafür sorgen, dass sich die Störung nicht kreisförmig ausbreiten kann.

Die heute interessante Frage ist aber vor allem: Was kann diesen „Tsunami“ aufhalten? Würde dies rechtzeitig gelingen, könnte eine Migräne-Attacke nicht nur vor den Kopfschmerzen beginnen, sondern auch davor schon wieder enden.