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Die Geschichte vom chronischen Schmerz in drei Teilen – Teil 2

Birgit Schmitz
Birgit Schmitz

Birgit Schmitz leitet den Hamburger Verlag Hoffmann & Kampe und ist Schriftstellerin. In ihrem Buch "Der Schmerz ist die Krankheit" schreibt sie über ihre chronischen Spannungskopfschmerzen.

Ich hatte eine eher seltene Erkrankung, die behandelt wurde. Danach blieben Kopfschmerzen und nach drei Monaten: Peng! Chronischer Spannungskopfschmerz! Die Diagnose traf mich komplett unvorbereitet: Chronisch klingt nach Ewigkeit. 

Wann werden Schmerzen chronisch?

Wie den meisten Menschen war mir damals nicht bewusst, dass es für den chronischen Verlauf einer Krankheit nur eines sehr kurzen Zeitraums bedarf. Bei Schmerzen ist der sogar sehr knapp bemessen: Zwischen drei und sechs Monaten setzt die aktuelle Forschung dafür an. Häufig ist die akute Ursache längst ausgeheilt, zurück bleibt nur der Schmerz. Anders ausgedrückt, gute Chancen, eine Chronifizierung zu verhindern, hat man in den ersten sechs bis zwölf Wochen. Nach einem halben Jahr ist die Wahrscheinlichkeit nur noch bei 50 Prozent und nach einem Jahr bei weniger als zehn Prozent. 

Die Definition von chronischen Schmerzen lautet daher: eine krankhafte Veränderung des Nervensystems, die durch unzureichend behandelte Schmerzen entsteht. Unzureichend heißt dabei, man nimmt nicht die angemessene Dosis Schmerzmittel. Dazu kommt es, weil wir glauben, dass der Schmerz vorbeigeht und dass es am nächsten Tag bestimmt besser sein wird. Bis es eben nicht besser wird. So war es bei mir, und ich war erst einmal mit diesem Schmerz umgegangen, wie ich es gelernt hatte, nämlich gar nicht. 


Akuter Schmerz stößt Lernprozesse an

Das ist grundsätzlich auch nicht falsch, denn normalerweise passiert bei akutem Schmerz nichts weiter, als dass er uns warnt, und dann beginnt der Körper selbst, die Schmerzen zu regulieren. Das gilt für einen geröteten Rachen, eine pochende Wunde, einen blauen Fleck oder Sonnenbrand. Geschieht etwas in der Art, dann beginnt das Abwehrsystem, es uns erträglicher zu machen. Weil körpereigene Schmerzmittel sofort zur Stelle sind, können wir überhaupt Schmerzen aushalten. 

Wir besitzen ein tolles Schmerzabwehrsystem, das aber nicht nur arbeitet, wenn Ungemach droht. In den Zeiten dazwischen sorgt es dafür, dass Streicheln eine liebevolle Geste ist und ein Luftzug ein angenehmer Hauch. Wird das System jedoch gestört, können auch Kleinigkeiten ungeahnte Schmerzen auslösen. 

Akuter Schmerz ist nicht nur dafür da, uns vor brenzligen Situationen zu warnen. Seine immens wichtige Funktion für unser Leben besteht darin, dass er Lernprozesse anstößt. Wir vermeiden zukünftig einen Sonnenbrand, indem wir an die Sonnencreme denken, oder gehen beim ersten Pochen im Backenzahn zum Zahnarzt. Nur durch dieses beständige Lernen warnt uns nicht jeder Schmerz unnötig, und nur ein heftiger Schmerz oder einer, den wir nicht einordnen können, löst dann auch richtigen Großalarm aus. 


Fehler im System

Dieses feinkalibrierte System ist leider fehleranfällig, worin auch die Ursache für das Entstehen von chronischem Schmerz zu suchen ist. Was da passiert, nennt man Wind-up. In den Nervenzellen steigert ein Reiz die Zahl der Entladungen. Es werden mehr, der Schmerz wird stärker. Waren meine Schmerzen anfangs noch erträglich und auf der unteren Skala angesiedelt, wurden sie mit der Zeit tobender und anhaltender. 

Aber ein Mehr an Schmerzen oder eine gesteigerte Empfindlichkeit (biologisch eine höhere Zahl an Natriumkanälen, die Spannungen weiterleiten) allein erklärt nicht, warum Schmerzen chronisch werden können. Ungünstigerweise schaltet unser Körper an dieser Stelle nämlich zwei Prozesse zusammen. Zum einen die Ausbildung von Überempfindlichkeit und zum anderen einen Prozess, der für Gedächtnis und Lernen zuständig ist. Das Kürzel LTP steht für Long-term potentation, Langzeitpotenzierung, und diese findet in speziellen Rückmarksneuronen statt, den Hinterhornneuronen. Sie speichern den Zustand, den wir chronischen Schmerz nennen. 

Die aktuelle Forschung nimmt an, dass die rostroventrale Medulla, eine Region im Stammhirn, eine zentrale Rolle beim chronischen Schmerz spielt. Sie lässt sich als eine Art Schalter beschreiben, der umgelegt wird. Die Nervenzellen haben dann etwas gelernt, was sie nicht lernen sollten, und ein Schmerzgedächtnis ausgebildet. Das funktioniert nicht wie mit unseren Erinnerungen, die wir bewusst abrufen können, sondern eher wie beim Lernen eines Musikinstruments. Beim Klavierspielen kann man sich erst einmal auch nicht vorstellen, dass die rechte und linke Hand unterschiedliche Dinge tun, aber Übung erschafft auch hier ein unabhängiges System. 


Über das Schmerzgedächtnis

In dem Buch «Auf der Suche nach dem Gedächtnis» des Nobelpreisträgers für Medizin Eric Kandel kann man nachlesen, wie man vorging, um mehr über unser Schmerzgedächtnis zu erfahren. Ich lernte darin viel über Tiere mit großen Nervenbahnen, wie den Flusskrebs oder die Meeresschnecke. Aber auch über Kalium, Glutamat und Proteinstrukturen, die alle bei der Übermittlung von Impulsen in den Nervenzellen mitwirken. Eric Kandel hat über viele Jahrzehnte versucht herauszufinden, wie unser Kurz- und Langzeitgedächtnis funktioniert. 

Seine Arbeit lieferte also die Grundlagen, um überhaupt so etwas wie ein Schmerzgedächtnis definieren zu können. An der Meeresschnecke konnte er zeigen, dass vorausgegangene Stimulationen nicht nur einfach über die Nerven flitzen, sondern von diesen «erinnert» werden. Neuroplastische Veränderungen nennt man das, und sichtbar werden diese im PET. Das heißt: Je länger Schmerzen ausgehalten werden, desto mehr verändern sich die Zellen, desto stärker die Ausprägung des Schmerzgedächtnisses.