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Die Geschichte vom chronischen Schmerz in drei Teilen - Teil 3

Birgit Schmitz
Birgit Schmitz

Birgit Schmitz leitet den Hamburger Verlag Hoffmann & Kampe und ist Schriftstellerin. In ihrem Buch "Der Schmerz ist die Krankheit" schreibt sie über ihre chronischen Spannungskopfschmerzen.

Bis heute quält mich die Frage, ob ich den bedenklichen Verlauf in den ersten Monaten nach dem Coiling hätte erkennen und damit die Chronifizierung verhindern können


Schmerzen gehören nicht zum Heilungsprozess

Zum Beispiel, indem ich regelmäßig Schmerzmittel genommen hätte – auch starke. Hätte ich mich von dem inneren und äußeren Chaos nicht so ablenken lassen sollen? Ich glaube, dass ich damals jedes Augenmaß verloren habe. Aber dann sage ich mir, dass man mich nicht richtig aufgeklärt hat. Jedenfalls kamen die mahnenden Worte der Ärzte bei mir nicht an, dass ich, wenn erforderlich, Schmerzmittel nehmen sollte. Bis heute begegnen mir Menschen, die fast schon darauf bestehen, dass man Schmerzen aushalten kann und sollte. Schmerzen gehören irgendwie zum Heilungsprozess. Doch nichts könnte falscher sein. 

Erst seit kurzem weiß man, dass selbst während der Narkose, wo das Bewusstsein ausgeschaltet ist, weiter Schmerzsignale an das Gehirn geschickt und dort auch verarbeitet werden. Deshalb empfehlen Schmerzexperten wie der Münchner Psychiater Walter Zieglgänsberger, bei Operationen zusätzlich Schmerzmittel oder ein Lokalanästhetikum am Rückenmark zu verabreichen, um einem Schmerzgedächtnis vorzubeugen. Auch wird inzwischen immer häufiger dazu geraten, den Patienten nach Operationen auch stärkere Schmerzmittel wie Opioide anzubieten. 


Es gibt keine Löschtaste im Gehirn

Wie wenig eindeutig die Rolle der Psyche ist, zeigen Untersuchungen, die das Reden über Schmerz und die damit verbundenen Wörter in den Blick nehmen. Sie ergaben, dass bei bestimmten Adjektiven wie «brennend», «beißend» oder «stechend» Hirnregionen aktiv werden, die auch bei der Verarbeitung der Schmerzreize beteiligt sind und sich damit negativ auswirken können. Doch gleichzeitig kann Reden auch helfen, weil es Mut macht. Prophylaxe wie bei Parodontose gibt es nicht, weil kaum eine Situation der anderen ähnelt, jeder Patient mit einer anderen Vorgeschichte ankommt. 

Eines scheint jedoch festzustehen: Ist das Schmerzgedächtnis erst einmal entstanden, ist es schwer, den Prozess einfach umzukehren. Oder wie der Schmerzspezialist Walter Zieglgänsberger immer wieder sagt: «Es gibt keine Löschtaste im Gehirn.» 


Schmerzen als eigenständige Krankheit 

Bevor jemand als chronischer Schmerzpatient eingestuft wird, also die Schmerzen selbst als die zu behandelnde Krankheit begriffen werden, vergehen oft Jahre. Zehn Ärzte suchen Menschen mit Schmerzen laut Spiegel auf, bevor ihnen geholfen wird. Durchschnittlich dauert es 2,2 Jahre bis zur Diagnose und noch mal 1,9 Jahre, bis der Schmerz angemessen behandelt wird. Ein Viertel der Patienten erhält die Diagnose in den ersten fünf Jahren, 11 Prozent warten länger darauf. Zwar fühlt sich rund die Hälfte der Ärzte der Behandlung von Schmerzen gewachsen, doch 85 Prozent hätten gern eine zusätzliche Ausbildung, um sie besser zu erkennen, zu behandeln und längerfristig zu begleiten. So ist wohl auch zu erklären, dass 38 Prozent der Betroffenen sagen, dass ihre Schmerzen nicht adäquat therapiert werden. 

Für die acht bis sechzehn Millionen Deutschen, die unter einem chronischen Schmerzsyndrom leiden, keine guten Nachrichten. Und ob die europäische Kampagne «Can you feel my pain» (eine Art Bill of Rights für Schmerzen), die auf die Situation von chronischen Schmerzpatienten aufmerksam machen will, daran etwas ändert, bezweifle ich. Aber es hilft, dass Schmerzen endlich als eigenständige Krankheit gesehen werden. Denn im Vergleich zu Initiativen gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Brustkrebs oder Diabetes führt chronischer Schmerz immer noch ein Schattendasein. 


Bei mehr als 15 Schmerztagen im Monat droht die Chronifizierung

Manche Menschen haben Schmerzen bedenklich lange und übererfüllen die Kriterien für chronischen Schmerz. Denn die Formel ist eigentlich sehr einfach: mehr als 15 Tage im Monat über eine Phase von drei Monaten. Das sollte man sich unbedingt merken. Aus dieser Formel lässt sich vieles ableiten: Etwa, dass man sich keine Sorgen machen muss, wenn es einmal im Jahr fünf Tage am Stück irgendwo weh tut oder dass ein Monat unter ständigem Schmerz schlimm ist, aber vielleicht zu der Erkrankung dazugehört. Doch es lässt sich auch sehr klar bestimmen, wenn es ratsam ist, sich Hilfe zu holen. 15 Tage sind jeden zweiten Tag und drei Monate meist jene Zeit, die wir gut überblicken können. Was passiert sonst eigentlich schon in drei Monaten? Manchmal nicht viel, meist sagen wir im April: «Oh, es ist schon April, haben wir nicht gerade Silvester gefeiert.» 

Drei Monate sind nichts: zu kurz für eine Schwangerschaft, zu kurz für ein Sabbatical, zu kurz für eine Fußballsaison. 

Drei Monate hatten ausgereicht, dass sich auch bei mir ein Schalter umgelegt hatte.