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Ein unangenehmes Sinnesereignis. Was ist Schmerz? Teil II

Was ist Schmerz? /Bild: Kyle Glenn via Unsplash

Birgit Schmitz
Birgit Schmitz

Birgit Schmitz leitet den Hamburger Verlag Hoffmann & Kampe und ist Schriftstellerin. In ihrem Buch "Der Schmerz ist die Krankheit" schreibt sie über ihre chronischen Spannungskopfschmerzen.

Vor ein zwei Wochen habe ich hier angefangen, der Frage nachzugehen: „Was ist Schmerz?“

Im ersten Teil habe ich mich eher mit der Geschichte befasst und nicht so sehr mit der aktuellen Forschung. Aber um zu verstehen, was Schmerzen sind, finde ich es wichtig zu wissen, wie darüber in den verschiedenen Jahrhunderten gedacht und geforscht wurde. Schließlich sind wir doch alle froh, dass wir heute Schmerzen nicht mehr für eine Strafe Gottes oder die Folge von durcheinander gewirbelten Körpersäften halten.

Trotzdem ist das, was ich jetzt gleich berichte auch nur eine Theorie, wenn auch eine recht überzeugende, die sich jetzt schon ziemlich lange hält und bis heute den größten Einfluss hat: die Gate-Control-Theorie, entwickelt vor mehr als fünfzig Jahren von dem Psychologen Ronald Melzack (rechts auf dem Bild) und dem Neurophysiologen Patrick Wall (links).

Schmerzpioniere: Ronald Melzack (rechts) und Patrick Wall (links)
Schmerzpioniere: Ronald Melzack (rechts) und Patrick Wall (links

Theorie über den Schmerz

Sympathisch finde ich, wenn Forscher erstmal einen Schritt zurück machen. So haben es auch Melzack und Wall gemacht, die einige grundlegende Probleme, die immer wieder im Zusammenhang mit Schmerz auftauchten und die bis dahin nicht erklärt werden konnten, als Ausgangspunkt wählten. (Die Geschichte wird in diesem Video noch mal erzählt, allerdings auf englisch.)

Ihre Theorie sollte besser sein, und sie gingen erst einmal davon aus, dass die Beziehung zwischen Schmerz und Verletzung höchst variabel ist. Ein einleuchtendes Beispiel dafür ist immer der Soldat, der eine schwere Schusswunde hat, aber den Schmerz erst spürt, nachdem er sich und seinen Kameraden in Sicherheit gebracht hat. Melzack und Wall fragten sich aber auch, wie es umgekehrt dazu kommt, dass ein ganz harmloser Reiz höllische Pein verursacht oder Schmerz auch weiterbestehen kann, nachdem die Verletzung verheilt ist. 

Wie lässt sich erklären, dass der Ort des Schmerzes manchmal nicht identisch mit dem Ort der Verletzung ist oder die Art und der Ort des Schmerzes sich mit der Zeit verändern? Von Beginn an war ihnen bewusst, dass sie diese Fragen nur klären konnten, wenn sie davon ausgingen, dass Schmerz eine physiologische und eine psychologische Dimension hat. 

Also, machten sie sich auf und folgten der Verletzung von der äußeren Wunde in die Tiefen des Körpers. Von der Peripherie verlagerten sie ihre Forschung ins Zentralnervensystem und zeigten, dass dort ständig Informationen gefiltert, verändert und ausgewählt werden. 

Ein Tor filtert die Schmerzinformationen

Das letzte Puzzlestück für ihre Theorie lieferten die beiden 1965 in einem Artikel mit der Überschrift: „Pain Mechanisms: A new theory“. Sie hatten ein Tor entdeckt. An einer Stelle am Rückenmark – dem Hinterhorn – treffen zwei Nervenfasern aufeinander: Adelta- und C-Fasern. Während die C-Fasern den Schmerzreiz weiter ans Gehirn leiten, können die dickeren Adelta- Fasern dies unterbinden. Also die einen öffnen ein Tor, die anderen verschließen es wieder: die Gate-Control-Theorie war geboren. 

Das Hinterhorn fungiert dabei als eine Art Stellwerk. Der Botenstoff Glutamat überträgt die Erregung der peripheren Nervenfaser auf das Rückenmark. Hier scheint nichts festgeschrieben zu sein, sondern alles agiert je nach Situation und Zustand. Ein gegebener Reiz, wie z. B. eine Berührung, die wir normalerweise als angenehm interpretieren, kann in bestimmten Fällen auch eine intensive Schmerzempfindung auslösen. 

Wenn alles normal ist, kann im Hinterhorn zwischen Schmerz und einfachem Streicheln leicht unterschieden werden; sollten wir uns aber in einer Extremsituation befinden, etwa bei einem Autounfall, kann das System auch dafür sorgen, dass wir erst einmal nichts spüren. 

Und leider geht das auch umgekehrt: Ist das System besonders aktiv, werden schon kleinste Verletzungen als schmerzhaft empfunden. Bei chronischen oder neuropathischen Schmerzen liegt so eine Veränderung vor, sodass das gesamte System zusammengebrochen ist. 

Menschen mit Migräne wissen ebenfalls nur zu gut, was es heißt, wenn Licht, Geräusche und alle andere Sinneswahrnehmungen plötzlich nur noch für Schmerz sorgen. 

Challenge of Pain - Standardwerk für alle, die mehr wissen wollen


Das Gehirn entscheidet darüber, ob wir Schmerz empfinden

Die Torkontrolle findet aber nicht nur im Rückenmark statt, wie Ronald Melzack und Patrick Wall anfänglich vermutet hatten. Auch weiter oben, im Zwischenhirnbereich und in der Hirnrinde, werden die Reize weiterverarbeitet, bevor wir sie überhaupt als Schmerz registrieren können. Auch hier arbeiten wieder Botenstoffe daran, diesen Reiz zu blockieren. Erst wenn ein kritischer Wert überstiegen wird, schalten sich weitere Areale im Gehirn dazu, und wir empfinden Schmerzen. 

Schafft es der Schmerzreiz bis ins Gehirn, sind gleich mehrere Regionen für seine Verarbeitung zuständig. In der Großhirnrinde werden Sinneseindrücke wie Hitze, Kälte, Berührung verarbeitet, im limbischen System wird der Reiz auf der Gefühlsebene bewertet (angenehm, bedrohlich, anregend, etc.), und im präfrontalen Cortex, wo wir Gedächtnisinhalte abspeichern, werden der Reiz und seine emotionale Bewertung schließlich verknüpft. Erst dann haben wir Schmerzen. 

In einem anderen Abschnitt des Stirnhirns wird schließlich entschieden, wie mit dem Schmerz umzugehen ist, und dort werden dann körpereigene Schmerzmittel wie Endorphine gebildet.

Den Schmerzen an der richtigen Stelle bekämpfen

Adelta, Schmerzmatrix, Endorphine, limbisches System – klingt toll, aber böse Zungen behaupten, dass die gesamte Forschung den Schmerzpatienten wenig gebracht hat. Doch irgendwo auf diesem Weg der Reize durch den Körper liegt der Schlüssel oder gleich mehrere Schlüssel, um Schmerzen zu lindern oder zu stoppen. An all diesen Stellen kann man Hindernisse aufbauen und damit das Schmerzsystem außer Kraft setzen. 

Und bei allen Dingen, die wir hier im Blog und bei M-sense diskutieren, bei Auslösern, Schmerzmitteln oder anderen Therapien greifen wir immer in genau dieses System ein, dass Melzack und Wall entwickelt haben.