Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anzubieten und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren.

Lebkuchen als Argument gegen eine pauschale Migräne-Diät

Lösen die Gewürze in Lebkuchen Migräne aus? / Bild: Joanna Kosinska via Unsplash

Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem
Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem

Dr. Markus Dahlem forscht seit mehr als 25 Jahren über die Entstehung der Migräne. Als Physiker interessiert ihn grundsätzlich, ob mathematische Berechnungen etwas zum Grundverständnis von Erkrankungen beitragen können. 

Zu den Leckereien in der Weihnachtszeit gehört auch der Lebkuchen. Ein typisches Weihnachtsgebäck mit unüberschaubaren Zutaten - und ein Beispiel dafür, warum es keine pauschale Migräne-Diät geben kann.

Immerhin, knapp 50% des Lebkuchens sind Kohlenhydrate. Regelmäßig und kohlenhydratreich zu essen, gilt als einer der Ernährungstipps für Migräne-Erkrankte. Hinzu kommen die vielen Lebkuchengewürze. Die meisten kennen wir schon aus dem Glühwein, den wir in einem anderen Artikel auseinandergenommen haben: Zimt, Sternanis, Ingwer, Fenchel, Kardamom, Koriander, Anis, Gewürznelken, Muskatnuss und weiteres mehr.

Zimt – Gefahr oder Medikament für die Migräne?

Cassia-Zimt oder Ceylon-Zimt? Ceylon-Zimt enthält weniger von dem Pflanzenstoff Cumarin. Ist das gut? Cumarin gilt als gefährlich. Gilt das auch für Migräne-Erkrankte? Es geisterte mal die Behauptung eines erhöhtes Blutungsrisiko durch cumarinhaltige Zimtsterne durch die Medien. Auch der Lebkuchen geriet in Verdacht, die Süddeutsche Zeitung titelte: Zimt – Unterschätzte Gefahr im Lebkuchen?

Chemische Verbindungen, die dem Cumarin ähnlich sind, konkurrieren mit Vitamin K. So greifen sie in den Stoffwechsel ein und hemmen die Blutgerinnung. In Pilotstudien wurden diese blutverdünnenden Substanzen sogar als vorbeugende Behandlung gegen Migräne getestet [1]. Ihre Wirksamkeit, so die Vorstellung, erklärt sich, weil das Blut besser fließt. Es gibt (nach meiner Kenntnis) keine soliden Ergebnisse und also auch keine Empfehlung in den Leitlinien der Fachgesellschaften oder eine Zulassung für solche Medikamente. Denkbar sind aber immer »gute« wie »schlechte« Eigenschaften und zwar durchaus abhängig davon, ob man gesund oder krank ist.

Dass dem Ingwer »gute« Eigenschaften zugeschrieben werden, und seine Wirkung sogar mit denen von Triptanen verglichen wurde, haben wir in unserem Glühwein-Artikel näher ausgeführt. Damit sind die »guten« Zutaten im Lebkuchen aber auch schon fast erschöpft. Wobei, es gibt beispielsweise Lebkuchen mit Minzglasur, was eine russische Variante sein soll. "Kann Minze das Migräne-Elend lindern?", fragte das Wall Street Journal. Die Anwendungsmöglichkeiten sind ja vielseitig und statt sich mit überteuertem Minzöl einzureiben, mag man sich vielleicht mal einen russischen Lebkuchen auf die Stirn legen?

Jenseits solcher ironischen Reflexionen stellt sich die Frage, ob Auslöser überhaupt ständig zu vermeiden sind? Könnte damit das Gehirn nicht desensibilisiert werden, wie es einige Wissenschaftler vorschlagen [2]? Sollte man den richtigen Umgang mit Auslösern vielleicht besser lernen? Der Lebkuchen zeigt zumindest, dass man gar nicht nachkommt, sich mit den Inhaltsstoffen im Detail auseinanderzusetzen. Vielleicht ein paar grundsätzliche Bemerkungen zu dem Thema Diät.

Es gibt keine pauschale Migräne-Diät

Entgegen lang gehegter Vorurteile gibt es keine pauschale Migräne-Diät. Äußere Einflüsse provozieren eine Migräne-Attacke. Sie sind aber nicht die Ursachen von Schmerz. Solche Einflüsse nennt man auch Auslöser oder Trigger und sie treten immer als zusätzliche Einflussfaktoren auf. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) schreibt zum Thema »Migräne und Ernährung«:

Es ist auf jeden Fall wichtig, zusammen mit dem Arzt nach diesen persönlichen Triggerfaktoren zu suchen, damit sie nach Möglichkeit gemieden werden können. Dabei hilft ein Kopfschmerztagebuch.

Doch es geht nicht darum, alle Zutaten in Nahrungsmittel generell in »gut« und »schlecht« einzuteilen, oder gar generell Nahrungsmittel pauschal zu meiden.

Es ist nicht sinnvoll, wenn Migränekranke generell Nahrungsmittel meiden, von denen bekannt ist, dass sie Migräneanfälle provozieren können. Denn Nahrungsmittel spielen nicht bei allen Patienten eine Rolle.

Auch die Leitlinien der Deutschen Neurologischen Gesellschaft sagen in ihrem Kapitel Kopfschmerzen und andere Schmerzen, dass kontrollierte Untersuchungen über diätetische Maßnahmen noch ausstehen und nur sehr vereinzelt erste Hinweise existieren. Die meisten Diäten sind ohne Wirksamkeitsnachweis:

Zu einigen Methoden liegen offene Studien vor, der Wirksamkeitsnachweis in kontrollierten Studien steht (noch) aus. Eine Arbeit untersuchte in einer Cross-over-Studie den Einfluss diätetischer Maßnahmen auf die Migräne nach vorheriger Bestimmung individueller Nahrungsmittelallergene und konnte signifikante Effekte einer Eliminationsdiät zeigen [2].


Summa summarum
: Eine Einschränkung in der Ernährung ist auch eine Einschränkung in der Lebensqualität. Und sei es nur ein Biss in einen Lebkuchen an Weihnachten.



[1] Rahimtoola, H., Egberts, A. C. G., Buurma, H., Tijssen, C. C., & Leufkens, H. G. (2001). Reduction in the intensity of abortive migraine drug use during coumarin therapy. Headache: The Journal of Head and Face Pain, 41(8), 768-773.

[2] Martin, P. R., Mackenzie, S., Bandarian-Balooch, S., Brunelli, A., Broadley, S., Reece, J., & Goadsby, P. J. (2014). Enhancing cognitive-behavioural therapy for recurrent headache: design of a randomised controlled trial. BMC neurology, 14(1), 233. (Link, frei einsehrbar)

[3] Alpay, K., Ertaş, M., Orhan, E. K., Üstay, D. K., Lieners, C., & Baykan, B. (2010). Diet restriction in migraine, based on IgG against foods: A clinical double-blind, randomised, cross-over trial. Cephalalgia, 30(7), 829-837.