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Migräne: Expertenwissen zu Ursachen, Auslösern & Behandlungsmethoden

Migräneportrait / Bild: Johannes Windolph für M-sense

Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem
Dr. rer. nat. Markus A. Dahlem

Dr. Markus Dahlem forscht seit mehr als 25 Jahren über die Entstehung der Migräne. Als Physiker interessiert ihn grundsätzlich, ob mathematische Berechnungen etwas zum Grundverständnis von Erkrankungen beitragen können. 

Es gibt über 200 Arten von Kopfschmerzen. Unterschieden wird der primäre von dem sekundären Kopfschmerz. Bei primären Kopfschmerzen handelt es sich um eine eigenständige Erkrankung, zu denen auch Migräne oder Spannungskopfschmerzen zählen. Sekundäre Kopfschmerzen zeigen sich als Symptome von anderen Krankheiten, z. B. bei Kopfverletzungen, Infektionskrankheiten oder Gefäßerkrankungen sowie bei einem Übergebrauch von Medikamenten und ähnlichen Substanzen.


Symptome

Migräne ist gekennzeichnet durch in Episoden auftretende, anfallartige, pulsierende und halbseitige Kopfschmerzen, die häufig von Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit oder Geräuschempfindlichkeit begleitet werden. Häufig geht der Attacke eine Aura voraus, die mit Sehstörungen, Taubheitsgefühlen oder anderen neurologischen Wahrnehmungsstörungen einhergeht.

Der Begriff "Migräne" kommt aus dem Altgriechischen und setzt sich aus »hemi« (halb) und »cranion« (Kopf) zusammen, er beschreibt diesen migränetypischen halbseitigen Kopfschmerz.


Häufigkeit

Rund 10 Prozent der Weltbevölkerung leiden unter Migräne, das sind circa 758 Millionen Menschen.1,7 bis 4 % davon haben an mehr als 15 Tagen im Monat einen Migräneanfall. In Deutschland sind es ca. 10 – 30 % der Bevölkerung, welche von den wiederkehrenden Kopfschmerzen betroffen sind. Darunter etwa 15 %, die unter der speziellen Form der Migräne mit Aura leiden. Frauen sind ungefähr dreimal häufiger von Migräne betroffen als Männer.


Migräneformen

Episodische Migräne vs. Chronische Migräne

Man spricht von einer chronischen Migräne, wenn in mindestens drei aufeinanderfolgenden Monaten an jeweils 15 oder mehr Tagen Kopfschmerzen auftreten. An mehr als sieben Tagen davon müssen migräneartige Kopfschmerzen vorliegen. Wichtig bei der Diagnose des Krankheitsbildes der chronischen Migräne ist der Ausschluss von einem Medikamentenübergebrauch sowie anderen Kopfschmerz auslösenden Erkrankungen. Episodische Migräne tritt dagegen in größeren Abständen auf.

Sonderformen von Migräne

Es gibt jedoch auch Sonderformen der Migräne. Dazu zählt die Aura ohne Kopfschmerz, die Migräne mit verlängerter Aura, die retinale Migräne, die ophtalmoplegische Migräne, die Migräne vom Basilaristyp und die familiäre und sporadische hemiplegische Migräne.

Bei einer Migräneaura ohne Kopfschmerzen haben Betroffene Symptome einer typischen Aura, denen jedoch kein Migränekopfschmerz folgt. Wenn Aurasymptome länger als eine Woche anhalten, spricht man von einer Migräne mit verlängerter Aura.

Die retinale Migräne beschreibt eine Migräneform, bei der einseitige Sehstörungen zum Beispiel in Form von einseitigen Sehflecken, Flimmern oder sogar kurzzeitiger Blindheit des betroffenen Auges auftreten können. Plötzliche auftretende Doppelbilder oder das Hängen eines Augenlids in der Vorbotenphase kennzeichnet die ophthalmoplegische Migräne aus. Die Basilarismigräne wird neben den beidseitig empfundenen Migränekopfschmerzen von starkem Schwindel, Ohrgeräuschen oder Sprach- und Bewusstseinsstörungen begleitet. Eine weitere Sonderform stellt die familiäre und sporadische hemiplegische Migräne dar, welche sich als Migräne mit Aura und motorischer Schwäche zeigt und bei einem Verwandten ersten oder zweiten Grades ebenfalls auftauchen muss.


Ablauf: Die Phasen einer Migräneattacke

Eine durchschnittliche Migräneattacke dauert meist 4 – 72 Stunden und lässt sich in verschiedene Phasen einteilen. Die klassische Migräne mit Aura kennzeichnet sich durch vier Phasen, die einfache Migräne ohne Aura durchläuft drei Phasen.

Vorbotenphase

In der Vorbotenphase auch Prodromalphase genannt, kündigt sich die kommende Attacke bereits ein paar Tage zuvor durch sogenannte "Vorboten" an. Dies ist bei ca. 30% der Betroffenen der Fall. Solche Vorboten unter anderem Stimmungsschwankungen, Nackenbeschwerden und Lichtempfindlichkeit. Außerdem sind Heißhunger, ein ausgeprägtes Kältegefühl, innere Unruhe, Lärmempfindlichkeit sowie Probleme, die Augen zu fokussieren ebenfalls mögliche Symptome, die darauf hindeuten, dass eine Migräneattacke bevorsteht. Intensives Gähnen ist das häufigste Symptom der Vorbotenphase und gilt als sehr zuverlässige Vorhersage.

Die Kipppunkttheorie beschreibt den Übergang von der schmerzfreien Zeit in die Kopfschmerzphase und betont den Unterschied von Vorboten und Auslösern. Vorboten gelten als innere Störungen und Auslöser als äußere Störungen. Kurz bevor das Gehirn in die Schmerzphase der Migräne „kippt“, durchläuft der Körper einen Prozess, der geprägt ist von physiologischen, hormonellen und emotionalen Veränderungen.

Aura

Die Migräne mit Aura ist gekennzeichnet durch zusätzlich auftretende Sinnesstörungen und andere neurologische Ausfälle, bevor der eigentliche Kopfschmerz einsetzt. Es treten Sehstörungen und Lichterscheinungen wie Zickzacklinien, Lichtblitze oder Flimmern auf, begleitet wird dies von Schwindel, Sprachstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Taubheitsgefühlen oder Missempfindungen. Diese sich langsam ausbreitenden und steigernden Symptome klingen im typischen Fall nach 20 bis 30 Minuten wieder ab. Nach den Auraerscheinungen setzt üblicherweise der Kopfschmerz ein, dieser kann überlappend oder auch zeitlich etwas verzögert auftreten. Bei einer Sonderform der Migräne, kann der Schmerz nach der Aura aber auch ganz ausbleiben.

Schmerzphase

Die Schmerzphase kennzeichnet sich durch mittlere oder starke einseitige Kopfschmerzen. Diese haben häufig einen pulsierenden, pochenden oder stechenden Charakter und sind in der Schläfenregion lokalisiert. Dazu treten oft auch weitere Symptome wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, das teilweise Stillstehen der Stoffwechselvorgänge, aber auch Licht-, Geräusch- oder Geruchsempfindlichkeit auf. Körperliche Bewegung verstärkt typischerweise den Schmerz, weshalb sich viele Migränepatienten in einen dunklen, ruhigen Raum zurückziehen. Die Schmerzen treten nicht immer an der gleichen Seite auf, sie können die Kopfseite von Attacke zu Attacke wechseln. Bei jedem vierten Migräniker tritt der Migräneschmerz in den frühen Morgenstunden auf.

Rückbildungsphase

In der Rückbildungsphase folgt aus Erschöpfung häufig eine Schlafphase, mit der die Attacke abklingt und die Schmerzen nachlassen. Manchmal treten auch die entgegengesetzten Symptome der Vorbotenphase auf. Manche fühlen sich besonders euphorisch, lebendig und frei, bei anderen überwiegt jedoch das Bedürfnis nach Ruhe und Schlaf. Auch Appetitlosigkeit und Schmerzempfindlichkeit sind einige Stunden oder auch noch Tage danach nicht ungewöhnlich.


Migränekomplikationen

Status migraenosus

Wenn die Migräne vom Anfall in einen Dauerzustand übergeht, nennt man dies Status migraenosus. Dies ist der Fall, wenn ein Migräneanfall länger als 72 Stunden andauert, oder ein neuer beginnt, eher der vorhergehende völlig abgeklungen ist. Diesem Status kann auch ein Missbrauch von Migränemedikamenten und Schmerzmitteln vorausgegangen sein.

Persistierende Aura ohne Hirninfarkt

Von einer persistierenden Aura spricht man, wenn Aurasymptome länger als eine Woche anhalten, ohne einen radiologischen Hinweis auf einen Hirninfarkt. Diese Migränekomplikation hält über Monate bis Jahre an, tritt aber generell eher selten auf.


Auslöser / Trigger

Es gibt einige innere und äußere Einflussfaktoren, die eine Attacke begünstigen können, jedoch nicht ursächlich für sie verantwortlich sind. Folgende Triggerfaktoren können eine Migräneattacke „anstoßen“: Stress, bestimmte Medikamente, körperliche Beschwerden oder Verspannungen, Umweltreize, wie Wetterumschwünge und Klimawechsel, hormonelle Veränderungen, ein ungünstiger Ernährungsstil (z.B. bei unregelmäßigen Mahlzeiten und einer daraus resultierenden Schwankung im Blutzuckerspiegel, kohlenhydratarme Kost, Alkohol, Histamin und Tyramin), schwankender Koffein-Konsum oder Flüssigkeitsmangel, Überanstrengung oder Erschöpfung oder ein veränderter Schlaf-wach-Rhythmus. Die möglichen Trigger sind sehr individuell vorhanden bzw. verschieden ausgeprägt. Um die persönlichen Auslöser herauszufinden, sollte man ein Kopfschmerztagebuch führen – mit Stift und Papier, digital oder in einer Migräne-App auf dem Smartphone, wie M-sense


Diagnostik

Viele Menschen leiden an verschiedenen Kopfschmerzformen gleichzeitig. Ob die diagnostischen Kriterien einer Migräne beim jeweiligen Patienten erfüllt werden, kann der Neurologe mithilfe eines Kopfschmerzfragebogens und Kopfschmerzkalenders herausfinden. Denn je nach Diagnose und Form der Kopfschmerzen unterscheidet sich die jeweilige Behandlung und Therapie maßgeblich voneinander.


Unbekannte Ursachen

Nach dem heutigen Stand der Migräneforschung ist die Ursache für die Erkrankung an Migräne noch ungeklärt. Migräne ist demnach eine "idiopathische Erkrankung". Das setzt sich zusammen aus dem griechischen »idios« (selbst) und »pathos« (Leiden). Demnach ist Migräne ein selbstständiger Krankheitszustand. Wobei mit diesem Fachbegriff eben immer auch eine unbekannte Ursache gemeint ist.

Genauso vielschichtig, wie auch das Erscheinen der Migräne ist, sind auch deren ursächliche Erklärungen. Jedoch ist Ursachenforschung besonders entscheidend, wenn es um das Entwickeln einer individuellen und angepassten Therapie für den Patienten geht.

Reizverarbeitungsstörung

Migräne als eine angeborene Reizverarbeitungsstörung ist eine mögliche Ursache, die von Medizinern diskutiert wird. Dabei steht das Gehirn ständig unter Hochspannung und reagiert besonders sensibel auf bestimmte Reize.

Erbliche Veranlagung

Eine weitere mögliche Ursache könnte die erbliche Veranlagung sein. Bei bestimmten Formen der Migräne, wie zum Beispiel der hemiplegischen Migräne (Migränenvariante mit motorischer Aura) oder der CADASIL Erkrankung (eine Störung der Blutgefäße im Gehirn) wurde ein Gendefekt auf dem 19. Chromosomenpaar gefunden.

Durchblutungsstörung

Auch eine spontane Durchblutungsstörung im Gehirn gilt als mögliche Theorie bei der Entstehung von Migräne, vor allem mit Aura. Diese geht davon aus, dass äußere Faktoren zu einer kurzfristigen Verengung der Blutgefäße im Gehirn und der Gehirnhaut führen. Die darauffolgende Gefäßerweiterung und erhöhte Durchblutung wird als Migränekopfschmerz wahrgenommen.

Neurogene Entzündungen / Erhöhte Nervenaktivität

Eine weitere mögliche Ursache sind neurogene Entzündungen im Gehirn. Die Überaktivität von Nervenzellen in der Großhirnrinde führt zu einer Ausschüttung von Noxen (Schadstoffen) die in die schmerzempfindlichen Hirnhäute gelangen können. So entsteht eine schmerzhafte Entzündung.

Maßnahmen und Behandlung

Bei der Behandlung von Migräne sind drei vorbeugende Strategien von großer Bedeutung. Darunter zum einen die Vermeidung von auslösenden Faktoren, die Reduktion der Anfallsbereitschaft und letztlich die Behandlung der akuten Attacken-Auswirkungen durch Akutmedikationen.

Vorbeugung

Ganz besonders wichtig bei der Vorbeugung durch die Vermeidung von potenziellen Auslösern ist ein geregelter Tagesablauf, denn plötzliche Veränderungen im Tagesrhythmus sowohl die Mahlzeiten, den Schlaf, als auch die Arbeit oder Freizeit betreffend, können einen Anfall begünstigen.

Besonders hilfreich sind auch Entspannungsmethoden und Techniken zur Stressreduktion wie die Progressive Muskelentspannung, das autogene Training, Mediation oder Atemübungen. Erfolge können sich jedoch bei solchen alternativen Behandlungsmethoden nur dann einstellen, wenn die Übungen regelmäßig ausgeführt werden. Außerdem sollte man in anfallsfreien Zeiten seine Ausdauer stärken und einen geeigneten Sport finden, den man gerne ausübt.

Es gibt auch eine Reihe von medikamentösen Prophylaxen, die die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Attacken reduzieren können. Empfohlen wird eine medikamentöse vorbeugende Behandlung, wenn der Patient an mehr als 10 Tagen im Monat Schmerz- oder Migränemittel einnehmen muss, oder diese nur schlecht bis gar nicht wirken. Eine Prophylaxe kann auch dann sinnvoll sein, wenn die Lebensqualität des Betroffenen durch die Migräne so stark eingeschränkt ist, dass sie durch die Anfälle häufig krankgeschrieben werden oder ihren sonstigen Tätigkeiten nicht mehr nachgehen können.

Anfallsbehandlung

Spezifische Migränemittel sind Triptane. Diese blockieren die Freisetzung von Nervenbotenstoffen, die zur lokalen neurogenen Entzündung an den Blutgefäßen im Gehirn führen kann. Außerdem normalisieren Triptane die erhöhte Nervenaktivität in verschiedenen Gehirnzentren und verengen erweiterte Gefäße. Triptane haben gegenüber anderen Schmerzmitteln den Vorteil, dass sie gezielt und selektiv an den Schaltstellen im Gehirn wirken, die bei einer Migräneattacke beteiligt sind.

Da es jedoch bei zu häufigem Medikamentengebrauch zu einem Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz, auch MÜK genannt, kommen kann, ist es wichtig, die sogenannte 10/20 Regel einzuhalten. Diese Regel besagt, dass Kopfschmerzmedikamente an weniger als 10 Tagen im Monat eingenommen werden dürfen und mindestens 20 Tage im Monat komplett frei von der Einnahme von Akutschmerzmitteln oder spezifischer Migränemittel sein müssen.